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EDITORIAL
Jörg Biallas
Hohn zum Dank

Es lohnt sich, über die Frage nachzudenken, wie junge Menschen sich nach ihrer Schulausbildung für die Gesellschaft engagieren könnten. Diese Debatte ist keineswegs ein typisches Sommerloch-Thema. Ob aber in diesem Zusammenhang die Wehrpflicht wieder eingeführt werden sollte, darf mit Fug und Recht kritisch betrachtet werden (siehe auch Gastkommentare auf Seite 2). Was motiviert junge Menschen, der Allgemeinheit, dem Staat zu dienen? Bei den Wenigsten dürfte dahinter die Absicht stehen, der Gesellschaft etwas für entgegengenommene Leistungen zurückzugeben, wie jetzt so vollmundig aus der Politik verlautet. Ob Bundeswehr, Technisches Hilfswerk, Feuerwehr, Kranken- oder Pflegedienst: Im Mittelpunkt des Engagements wird in der Regel die persönliche Karriere stehen.

Das ist nicht verwerflich. Wer einen Dienst versieht, soll damit ruhig einen Vorteil erlangen. Das muss keine finanzielle Vergütung sein. Ebenso attraktiv ist es, wenn sich Wartezeiten auf einen Studienplatz verkürzen oder die Qualifikation für eine Lehrstelle verbessert wird. Wo also ein Dienst geleistet wird, dürfte maßgeblich von der individuellen Lebensplanung abhängen. Und vom Image des Arbeitgebers. Da allerdings hat die Bundeswehr deutlich Boden verloren. In der Öffentlichkeit wird die Truppe als schlecht ausgerüstet, unzureichend ausgebildet und zumindest in Teilbereichen nicht einsatzfähig wahrgenommen.

Wer sich näher damit auseinandersetzt, wird schnell zu dem Ergebnis kommen: Zumindest so pauschal, wie es gern formuliert wird, ist ein solches Urteil Unfug. Und unfair ist es obendrein. Nicht nur, weil die Bundeswehr nach wie vor hochqualifizierte Ausbildungsangebote in den unterschiedlichsten Bereichen macht. Sondern auch, weil viele Tausend Soldaten täglich im In- und Ausland einen zuverlässigen Dienst zu unser aller Sicherheit absolvieren. Der Dank dafür ist nicht selten Hohn. Das ist nicht hinnehmbar.

Die Bundeswehr ist, zumal als Parlamentsarmee, ein diplomatisches Instrument, das im Rahmen internationaler Vereinbarungen bei Bedarf genutzt werden kann. Ist die Truppe nur bedingt einsatzfähig, beschneidet die Politik ihren Handlungsspielraum. Deshalb sollte es keine Frage parteipolitischer Präferenz sein, für ein schlagkräftiges Militär einzutreten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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