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Gastkommentare - Pro
Timot Szent-Iványi, Redaktionsnetzwerk Deutschland
Es ist an der Zeit

Vollversicherung für die Pflege?

E ine Versicherung macht nur Sinn, wenn sie vor besonders kostspieligen oder gar Existenz gefährdenden Risiken schützt. Gemessen daran ist höchst zweifelhaft, ob die 1995 eingeführte Pflegeversicherung überhaupt noch ihren Zweck erfüllt. Zur Begründung reicht eine aktuelle Zahl: Derzeit müssen Pflegebedürftige für einen Heimplatz durchschnittlich mehr als 1.800 Euro im Monat aus eigener Tasche zahlen. Diese Summe ergibt sich wohlgemerkt nach dem Abzug der Leistungen der Pflegeversicherung, die als "Teilkaskoversicherung" nur einen Zuschuss zu den tatsächlichen Kosten zahlt.

Immer weniger Pflegebedürftige sind in der Lage, diesen Eigenanteil aufzubringen. Bundesweit müssen bereits 450.000 Menschen die Sozialleistung "Hilfe zur Pflege" in Anspruch nehmen, Tendenz steigend. Denn die Eigenanteile klettern ungebremst weiter: Haupttreiber sind gegenwärtig steigende Löhne für die Pflegekräfte, die bisher oftmals weit unter Tarif bezahlt wurden. Die Anhebung ist überfällig, sie darf jedoch nicht zu Lasten der Heimbewohner gehen.

Weil auch die Zahl der Pflegebedürftigen stark zunimmt, ist es Zeit, die Pflege wie die Gesundheitsversorgung als integralen Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge anzuerkennen und in eine Vollversicherung umzuwandeln. Nach dem Vorbild der gesetzlichen Krankenversicherung muss die Solidargemeinschaft auch in der Pflege alle Leistungen übernehmen, die - wie es im Sozialgesetzbuch heißt - notwendig, wirtschaftlich und zweckmäßig sind. Das kostet den Beitragszahler Studien zufolge im Schnitt etwa 20 Euro mehr im Monat. Das sollte uns eine Pflegeversicherung wert sein, die eine menschenwürdige Betreuung sichert und Betroffenen Existenzängste nimmt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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