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EDITORIAL
Jörg Biallas
Anrührende Debatte

Nicht immer ist der Anlass auch der Grund einer Diskussion im Deutschen Bundestag. So verhielt es sich bei der Vereinbarten Debatte mit dem Thema "Vorgeburtliche genetische Bluttests", die in der vergangenen Woche auf der Tagesordnung des Parlaments stand.

Vordergründig ging es dabei um die Abrechnung eines Bluttests über die Gesetzlichen Krankenversicherungen. Mit diesem Test kann festgestellt werden, ob bei einem Embryo Chromosomenstörungen wie etwa das Down-Syndrom vorliegen.

Nun mag die Frage nach den Abrechnungsmodalitäten einer ärztlichen Untersuchung nebensächlich sein. Kritiker befürchten freilich, dass kostenlose und deshalb mutmaßlich häufiger angewandte Tests zu mehr Abtreibungen führen könnten. Der Mensch, so die Sorge, greife unverhältnismäßig in die Natur ein, indem die Geburt eines Kindes verhindert wird, weil es nicht der Norm entspricht.

Ob diese Kausalkette seriös zu knüpfen ist, wurde im Bundestagsplenum ausgesprochen anrührend debattiert.

Gesprochen wurde über Eltern, die sich nach einem beunruhigenden Testergebnis eine Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch in aller Regel nicht leicht machen.

Über Mütter, die Kinder im Wissen um eine Behinderung bewusst austragen und glücklich mit dieser Entscheidung leben.

Über Familien, die Nachwuchs mit Trisomie trotz aller emotionalen und übrigens auch finanziellen Herausforderungen als ein Geschenk empfinden.

Über Mitmenschen mit Down-Syndrom, die eine Bereicherung für ihr Umfeld sind.

Aber auch über die Gefahr einer Zwei-Klassen-Medizin, in der einige ein Testverfahren bezahlt bekommen, während andere selbst dafür aufkommen müssen.

Eines wurde klar: Ein diagnostizierter Gendefekt führt gewiss nicht notwendigerweise zu einer Abtreibung. Gleichwohl entscheidet sich derzeit ein Großteil der betroffenen Mütter dafür. Das hat häufig mit unzureichender ärztlicher Aufklärung zu tun. Deshalb ist es richtig, auch über dieses Problem nachzudenken.

Grundsätzlich gilt: Längst nicht alles, was der medizinische Fortschritt ermöglicht, ist wünschenswert und vertretbar. Politik und Gesellschaft sind gut beraten, gerade beim ungeborenen Leben immer wieder über Fragen der Ethik nachzudenken.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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