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EDITORIAL
Jörg Biallas
Buhlen um die Besten

Wer kurzfristig einen Handwerker benötigt, kennt das Problem: Die Betriebe in nahezu allen Branchen sind derart ausgebucht, dass ein Termin erst nach Wochen und Monaten zu haben ist. Man würde ja gern mehr Aufträge annehmen, heißt es dann, aber es fehle qualifiziertes Personal.

Der Fachkräftemangel beutelt die deutsche Wirtschaft. Vom kleinen Handwerksmeister bis zum großen Industriekonzern werden händeringend gut ausgebildete Arbeitnehmer gesucht. Allein in der Produktionstechnik fehlten im vergangenen Jahr fast 50.000 Fachkräfte. Der Markt sei wie leergefegt, beklagen Personalverantwortliche in den Unternehmen. Längst wirkt sich die Situation negativ auf Umsatz und Gewinn aus.

Lange Zeit hat die Politik darüber gestritten, ob eine weitere Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes für Ausländer gegen die Misere helfen würde. Skeptiker befürchten eine wettbewerbsverzerrende Situation für einheimische Arbeitssuchende, die sich ohnehin schon gegen die Konkurrenz aus anderen EU-Ländern behaupten müssten. Das, so die Sorge, könnte sich vor allem auch auf das Lohnniveau auswirken.

Jetzt hat sich die Regierungskoalition trotz dieser Bedenken auf ein Gesetz zur Zuwanderung von Fachkräften verständigt. Damit ist ein weiterer Schritt in eine zukunftsweisende Richtung gemacht. Längst wird international um die besten Kräfte gebuhlt. Die Idee, nationale Arbeitsmärkte abzuschotten, wird auf Dauer schon deshalb scheitern, weil andere Länder da sehr viel offener agieren.

Freilich entbindet das Staat und Wirtschaft nicht von einer sozialen Verantwortung insbesondere für Nachwuchskräfte aus dem eigenen Land. Beispielsweise könnte in der Ausbildung mehr Wert darauf gelegt werden, internationale Berufseinsätze zu ermöglichen, etwa indem Fremdsprachkurse oder Auslandspraktika angeboten werden. Warum sollte für Auszubildende nicht gelten, was bei Studenten seit vielen Jahren wie selbstverständlich gefordert und gefördert wird?

Wir leben in einer Welt, die sich immer weiter globalisiert. Zuwanderung von Menschen, die aus fernen Ländern der Arbeit hinterherreisen, hat es immer gegeben. Nicht zuletzt die deutsche Wirtschaft hat erheblich davon profitiert. Warum also sollte diese Erfolgsgeschichte nicht fortgeschrieben werden?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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