Inhalt

BERUFLICHE BILDUNG
Susanne Kailitz
Stellschrauben

Koalition will für Auszubildende eine Mindestvergütung und neue Abschlussbezeichnungen

Der Run auf die Universitäten ist ungebrochen. Viele junge Menschen entscheiden sich nach ihrem Schulabschluss für ein Studium, eine Ausbildung gilt als weniger attraktiv. Das hat Folgen: Immer häufiger finden Betriebe keinen Nachwuchs mehr, bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt. In Zeiten des Fachkräftemangels eine ungute Entwicklung.

Es ist Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) daher ein Anliegen, die berufliche Bildung attraktiver zu machen. Wie das geschehen soll, das die Ministerin am vergangenen Donnerstag ein der ersten Lesung des Gesetzes zur Stärkung der beruflichen Bildung (19/10815) erklärt. Sie setzt vor allem auf zwei Neuerungen, um junge Menschen in die berufliche Bildung zu locken: Eine Mindestausbildungsvergütung für Auszubildende und neue Abschlussbezeichnungen. Gegenstand der Debatte waren darüber hinaus der Berufsbildungsbericht 2019 (19/9515) und zahlreiche Anträge der Oppositionsfraktionen, die im Anschluss ebenso wie der Gesetzentwurf zur weiteren Beratung in die Ausschüsse überwiesen wurden.

Duales System Trotz des Reformbedarfs habe man ein gutes System, ist Karliczek überzeigt: Es gebe viele "Dinge, um die uns die Welt beneidet - eines davon ist unsere duale Berufsausbildung". Sie habe "großen Anteil an der wirtschaftlichen Kraft unseres Landes". In den vergangenen Jahren habe man sich vor allem um die akademische Bildung gekümmert, nun gebe man der beruflichen Bildung "den Stellenwert, der ihr wirklich zusteht". So sollen Auszubildende ab 2020 im ersten Lehrjahr eine Vergütung von monatlich mindestens 515 Euro bekommen, bis 2023 soll sie auf 620 Euro steigen. Um deutsche Berufsabschlüsse "international anschlussfähig" zu machen, sollen neben dem "Meister" die eigenständigen Abschlussbezeichnungen "Geprüfter Berufsspezialist", "Bachelor Professional" und "Master Professional" eingeführt werden. Hier werde "schon an der Sprache deutlich", sagte Karliczek, dass die berufliche Bildung "vergleichbar im Wert mit der Ausbildung an den Universitäten" sei.

Grundsätzlich begrüßen alle Fraktion den Plan, die berufliche Bildung zu stärken. Es brauche mehr "Meister und weniger gescheiterte Master", sagte der AfD-Abgeordnete Götz Frömming. Allerdings könne die geplante Mindestvergütung dazu führen, dass insbesondere Unternehmen in Ostdeutschland finanziell überfordert werden und deshalb weniger ausbilden. Kritik übte Frömming an den neuen Abschlussbezeichnungen: Sie seien "anmaßend und albern" und Zeichen einer "Pseudoakademisierung".

Yasmin Fahimi (SPD) betonte, dass es noch Nachbesserungsbedarf gebe: So müssten sich die Bedingungen für Azubis und Ausbilder deutlich verbessern, etwa bei der Freistellung von der Berufsschule und für Prüfungen, die die Prüfer bisher ehrenamtlich abnehmen. Für die rund zwei Millionen jungen Erwachsenen in Deutschland ohne Abschluss müsse es einen besseren Einstieg in Betriebe und Ausbildung geben. Zudem sollte das duale Studium eine "geschützte Marke" sein und nicht mehr höchst unterschiedlich ausgestaltet werden, forderte Fahimi.

»Etikettenschwindel« Für die FDP forderte Jens Brandenburg eine Exzellenzinitiative für die berufliche Bildung: So solle das Erasmus-Programm auf die berufliche Bildung ausgeweitet werden und digitale Lernangebote und Aufstiegschancen für jeden, etwa durch Teilqualifizierung, geben. Die neuen Abschlussbezeichnungen seien hingegen "Etikettenschwindel".

Birke Bull-Bischoff (Linke) wies darauf hin, dass 2.1 Millionen junge Erwachsene über keinen beruflichen Abschluss verfügten, 270.000 würde eine mangelnde Ausbildungsreife attestiert und 24.000 würden keinen Ausbildungsplatz finden. Dies seien erhebliche Risiken dafür, dass sie später in prekärer Beschäftigung mit schlechter Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen landen würden. Das derzeitige Schulsystem sei ein "Brandbeschleuniger sozialer Ungleichheit". Es müsse für alle einen Anspruch auf berufliche Bildung und deutlich mehr Unterstützung und Assistenz für junge Menschen und Unternehmen geben, forderte Bull-Bischoff.

Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) warf Ministerin Karliczek vor, mit ihrer Gesetzesinitiative dort ein "bisschen gekleckert" zu haben, wo sie hätte "klotzen" müssen. Sie habe nichts zu den Gesundheits- und Pflegeberufen vorgelegt, in denen es den dringendsten Fachkräftebedarf gebe und auch nichts zum Thema Inklusion in der beruflichen Bildung gesagt. Für junge Menschen in Warteschleifen müsse es eine Ausbildungsgarantie geben und die Mindestausbildungsvergütung höher ausfallen.

Für die Unionsfraktion lobte Stephan Albani (CDU) hingegen, dass sich die Tarifpartner bei der Ausbildungsvergütung geeinigt hätten, ohne dass die Politik Vorgaben habe machen müssen. Der "Aufschrei" hinsichtlich der Abschlussbezeichnungen sei nicht nachvollziehbar, hier würden sinnvoller Weise vergleichbare Bezeichnungen geschaffen.

Mehr Ausbildungsverträge In ihrem aktuellen Berufsbildungsbericht zieht die Bundesregierung eine positive Bilanz der Lage der beruflichen Bildung in Deutschland. So sei die Zahl der Anfänger unter den Auszubildenden um 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen und liege nun bei 722.700 Auszubildenden. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge habe sich im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls erhöht und liege nun bei 531.400. Hundert Ausbildungssuchenden würden 106 Ausbildungsangebote gegenüberstehen; dies setze "den positiven Trend der Vorjahre" fort. Eine große Herausforderung bleibe aber die Zusammenführung von Angebot und Nachfrage. 2018 sei die Zahl der unbesetzt gebliebenen betrieblichen Ausbildungsstellen auf knapp 57.700 gestiegen, zugleich habe sich auch die Zahl der unversorgten Bewerber auf etwa 24.500 erhöht. Hier zeige sich die Notwendigkeit einer "intensiveren beruflichen Orientierung und Berufsberatung".

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag