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Pascale Ehrenfreund
Hans Krump
»Dem Wettbewerb stellen«

Die Chefin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt über die Arbeit ihrer Einrichtung, Projekte im All und die Perspektiven der deutschen Astronautik

Frau Ehrenfreund, was sind die interessantesten Projekte des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR)?
Wichtig für uns ist, dass wir am Puls der Zeit arbeiten. Der Digitalisierung in der Luftfahrt den Weg bereiten, die Nutzung der Quantentechnologie für die Raumfahrt erforschen, die Grundlagen für das automatisierte Fahren schaffen und mit nachhaltigen Systemen die Energieversorgung der Zukunft sicherstellen, sowie unseren Beitrag leisten für die zivile Sicherheit.

Dem DLR stehen mit dem Raumfahrtbudget jährlich über 2,5 Milliarde Euro zur Verfügung. Immer wieder wird nach dem Nutzen gefragt, in Zeiten weltweiter Fluchtbewegungen, des Hungers auf der Erde, der Debatte um Klimawandel etc. ...
Wissenschaft und Forschung ermöglichen es uns, die globalen Herausforderungen besser zu verstehen. Dazu leistet das DLR als Europas größte ingenieurwissenschaftliche Forschungseinrichtung einen entscheidenden Beitrag. In der Luftfahrt gilt es, den steigenden Mobilitätsbedarf und den Erhalt unserer Umwelt in Einklang zu bringen. So lautet unsere Vision in diesem Bereich "Zero Emission Aircraft". Um daran zu arbeiten, benötigen wir nicht nur das Wissen über das Fluggerät und seinen Betrieb, sondern auch über unsere Atmosphäre, die wir aus dem Weltraum im Rahmen unserer Raumfahrtforschung beobachten.

Ein weiterer großer Nutzen ergibt sich aus Erdbeobachtungsdaten, die sich auf vielfältige Art und Weise in unserem täglichen Leben wiederfinden - ob Wettervorhersage oder hochaufgelöstes Kartenmaterial für Navigation und Planung ebenso wie Anwendungen in der Landwirtschaft und im Katastrophenschutz. Mit den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz, wie sie beim DLR bereits zum Einsatz kommen, eröffnen sich hier völlig neue Möglichkeiten. Auch in der Verkehrs- und Energieforschung ist in Wissen investiertes Geld gut angelegtes Geld, sei es für die Forschung für automatisiertes Fahren oder die Entwicklung neuartiger Energiespeicher. Der Nutzen, den die Wissenschaft erbringt, liegt in dem Wissen, das wir erlangen, um unsere Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie fordert, Deutschland als bedeutendes Industrieland müsse wesentlich mehr Geld für die Raumfahrt ausgeben, mindestens so viel wie Frankreich mit 726 Millionen Euro, während wir bei 285 Millionen im Jahr liegen. Was sagen Sie dazu?
Als Wissenschaftsmanagerin bin ich überzeugt dass das Geld, über das wir verfügen, so eingesetzt werden soll, damit wir die höchste Effizienz erzielen. Wenn wir dann die richtigen Ergebnisse produzieren, dann steht einer besseren Finanzierung nichts im Wege. Doch bei all dem gilt es den gesellschaftlichen Kontext zu berücksichtigen, in dem diese Forderung aufgestellt worden ist und der es aus Sicht des BDI notwendig macht, die Raumfahrt in Deutschland finanziell besser auszustatten. Deutschland gehört nicht nur in Europa zu den führenden Raumfahrtnationen. Wir verfügen über teils einmalige Kompetenzen, so zum Beispiel in der Robotik und der Erdbeobachtung. Diese Fähigkeiten gilt es zu erhalten und weiter zu entwickeln. Und ja, dafür benötigen wir eine gesunde finanzielle Basis, auch in der Zukunft.

Finden Sie denn bei der Politik in Berlin mit Ihren Anliegen eigentlich ausreichend Gehör, oder hapert es da?
Meine Vorstandskollegen und ich finden durchaus Gehör. Nicht nur in der Berliner Politik, im Bundestag und in den Ministerien, auch in den Landesparlamenten interessiert man sich sehr für unsere Arbeit. Ich denke, die Ausstattung des DLR mit weiteren sieben Instituten ist dafür Beweis genug. Solch ein Ausbau ist nur möglich, wenn alle Beteiligten am gleichen Strang ziehen.

Die Internationale Raumstation ISS als größtes bemanntes Raumfahrtprojekt und Symbol für internationale Zusammenarbeit gibt es seit mehr als 20 Jahren. Welche Bilanz ziehen Sie?
Deutsche Astronauten haben bisher vier Missionen zur ISS absolviert, davon waren drei Langzeitflüge. Kein anderes europäisches Land kann solch eine Bilanz vorweisen. Deutschland hat auch mit technologischen Beiträgen gepunktet, so stammt der zentrale Bordrechner des russischen Moduls aus Bremen, ebenso wie das Columbus-Modul. Und die fünf europäischen Transportraumschiffe ATV wurden ebenfalls in Bremen endmontiert. Hinzu kommen hunderte Experimente, die von deutschen Wissenschaftlern und Ingenieuren in den vergangenen Jahren auf der ISS erfolgreich durchgeführt worden sind. Die dabei erlangten Erkenntnisse haben teilweise bereits irdische Anwendungen gefunden, sei es in der Robotik oder in der Medizin.

Bis 2024 wollen die an der ISS beteiligten Länder die Raumstation weiter finanzieren, 2028 soll der Betrieb enden. Was passiert dann?
Jetzt haben wir uns in der Erdumlaufbahn festgesetzt, dort bleiben wir auch. Die Internationale Raumstation ist nicht nur das größte Technologieprojekt der Menschheitsgeschichte, sie hat uns auch gezeigt, wie es gelingen kann, über alle Grenzen hinweg, ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Dieses gilt es weiterzuführen. Sei es mit einer weiteren Verlängerung des ISS-Betriebes oder in neuen Explorationsprojekten und -missionen auf dem Mond oder auf dem Mars.

Wie sehr hilft Ihnen der Trubel um den deutschen Astronauten Alexander Gerst, der 2018 mehr als ein halbes Jahr die Erde in der ISS umkreiste, beim Verständnis und auch der Mittelakquise für die Arbeit des DLR und der Raumfahrt allgemein?
Für mich ist es Faszination und Begeisterung, die den Flug von Alexander Gerst begleitet haben. Jeder deutsche Kosmonaut oder Astronaut seit Sigmund Jähn und Ulf Merbold, den ersten beiden Deutschen im All, hat mit seiner Mission eine große Aufmerksamkeit hervorgerufen. Und jede erfolgreiche Mission hat dazu beigetragen, die Raumfahrt weiterzubringen. Mit dem steigenden Interesse der Bevölkerung steigt auch das Verständnis für unsere Arbeit und damit die Überzeugung, wie wichtig es ist, in die Raumfahrt zu investieren. Denn wir entwickeln innovative Technologien, die vielfältige irdische Anwendung finden, wir schaffen Arbeitsplätze und begeistern die junge Generation für Wissenschaft und Technik. In den 1990er Jahren hat Deutschland in die Weltraumrobotik investiert. Diese Investitionen zahlen wir heute zurück, in dem unsere Systeme in der Medizin- und Industrierobotik zum Einsatz kommen und erste Roboter testweise Pflegeaufgaben übernommen haben.

Wie zufrieden sind Sie mit der Exomars-Mission der Europäischen Weltraumorganisation ESA und der russischen Roskosmos, die bis 2020 läuft?
Die Vorbereitung der europäischen Mission Exomars hat uns gezeigt, wie kompliziert es ist, auf einem Planeten zu landen. Auf einem Kometen und Asteroiden waren wir schon, doch der Mars ist eine besondere Herausforderung. Zum ersten Teil der Mission gehörte auch der ExoMars Trace Gas Orbiter, kurz TGO. Mit seinen Messungen hat TGO im April 2018 begonnen. Erste Ergebnisse wurden im April 2019 veröffentlicht. Wir warten nun auf das Jahr 2020, wenn ein europäischer Rover den Mars erkunden soll. Die Zeit bis dahin gilt es, intensiv zu nutzen, um den Erfolg der Mission zu gewährleisten.

Private Raketenbauer aus den USA wie SpaceX oder Blue Origin drängen in den Weltraummarkt. Gibt es auch in Europa solche Möglichkeiten?
Die Entwicklung einer zunehmenden Kommerzialisierung in der Raumfahrt ist nirgendwo mehr ausgeprägt als in den USA. Vielfältig sind die Gründe dafür, unter anderem die Erkenntnis, dass sich mit der Raumfahrt in der Zukunft auch mehr Geld verdienen lässt. Nicht nur mit institutionellen Aufträgen, sondern auch aus dem privaten Sektor, sei es in der Kommunikation oder dem sogenannten Weltraumtourismus. Natürlich gehören dazu auch die Bereitschaft, geschäftliche Risiken einzugehen, und das notwendige Risikokapital. Anleger, die bereit und in der Lage sind, solche millionenschweren Investitionen zu tätigen. Was den Unternehmergeist in der Raumfahrt betrifft, so findet sich dieser oft bei kleineren Unternehmen in Deutschland wieder. Dabei geht es vor allem um Erdbeobachtungsdaten, Sensorik und den Bau von Subsystemen bis hin zu Kleinsatelliten.

In der Raketentechnologie will Europa die eigenen Möglichkeiten erhalten. Die neue Trägerrakete Ariane 6 soll sich auf dem Markt behaupten, der von SpaceX mit Niedrigpreisen und wiederverwendbaren Raketen dominiert wird. Kann das funktionieren?
Die Geschichte hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, über einen autonomen Zugang zum All zu verfügen. Als am 24.12.1979 die erste Ariane 1 gestartet ist, konnte niemand vorhersehen, dass die Ariane 5 einmal die zuverlässigste und erfolgreichste kommerzielle Trägerrakete sein wird. Diese Geschichte soll die Ariane 6 unter anderen Bedingungen fortschreiben. Natürlich haben sich der Markt und die Rahmenbedingungen geändert, doch es gilt, auf diese zu reagieren. Wenn Europa dauerhaft über einen autonomen Zugang verfügen möchte, müssen wir uns dem Wettbewerb stellen.

Wie bewerten Sie die Weltraumaktivitäten der Chinesen? Sie planen eine eigene Raumstation, landeten Anfang 2019 auf der Rückseite des Mondes, ein Novum. China will bis Mitte des Jahrhunderts führende Weltraummacht werden, ist das realistisch?
Die chinesische Raumfahrt hat seit den 1990er Jahren eine stürmische und sehr beachtliche Entwicklung genommen. Die Chinesen haben Menschen in den Erdorbit gebracht, sind auf dem Mond gelandet und verfügen über eine eigenes System der Kommunikation und Navigation. Doch nicht nur technisch, sondern auch wissenschaftlich verfügen chinesische Einrichtungen über vielfältige Kompetenzen. All das sind Voraussetzungen, eine Weltraummacht zu werden. Ob China die Führung übernehmen kann, bleibt abzuwarten. Je größer die Projekte werden, umso mehr ist man bei deren Umsetzung auf Partner angewiesen, die ihrerseits über die notwendigen Erfahrungen und auch finanziellen Mittel verfügen.

Es gibt einen regelrechten Ansturm auf das All, die Satelliten werden kleiner, die Raketenstarts häufiger. Immer mehr Nationen mischen mit, ob Chinesen, Inder, Israelis oder die Vereinten Arabischen Emirate. Braucht man da nicht mehr Regulierung?
Der dichte "Verkehr" in der Erdumlaufbahn bereitet uns schon seit einigen Jahren Kopfzerbrechen. Doch nicht nur der, auch der Weltraumschrott stellt ein immer größer werdendes Problem. Eigentlich gibt es klare Regularien, wer was im Weltraum tun darf. Doch stammen diese Vorgaben aus einer Zeit, in der an eine Raumfahrt, wie wir sie heute erleben, nicht zu denken war. Regulierung ist angebracht and zwischen Beteiligten zu koordinieren, seien sie staatlich oder privat. Ich denke, dass es hier großer internationaler Anstrengungen bedarf, um auch den Anforderungen der Zukunft gewachsen zu sein.

Mit Regulierungen will sich auch das deutsche Weltraumgesetz befassen, das die Bundesregierung nach langer Diskussion 2020 vorlegen will. Die meisten anderen größeren Raumfahrtnationen haben ein solches Gesetz. Ist 2020 nicht ein bisschen spät?
Die Entwicklung der Raumfahrt, vor allem deren zunehmende Kommerzialisierung, verlangen nach Regelungen, die es der deutschen Industrie ermöglichen, auf dem internationalen Markt zu bestehen. Denn es geht auch um Verantwortung, die in diesem Geschäft nicht gerade gering ist. Aber auch um die Möglichkeit, in die Raumfahrt zu investieren. 2020 mag spät sein, doch besser gut vorbereitet, als sich irgendwann überraschen zu lassen.

ZUR PERSON
Pascale Ehrenfreund wurde 1960 in Wien geboren und studierte dort Astronomie und Biologie. Die Österreicherin promovierte in Astrophysik in Paris und Wien. Danach ging sie ans Observatorium Leiden (Niederlande) und habilitierte sich 1999 in Wien in Astrochemie über "Kosmischen Staub". Im gleichen Jahr wurde ein Asteroid nach Ehrenfreund benannt. Nach 2001 lehrte sie Astrobiologie in Leiden und Amsterdam, ging dann zum "Jet Propulsion Laboratory" in Pasadena (USA). 2008 absolvierte Ehrenfreund ein Masterstudium in Management und internationale Beziehungen und trat im gleichen Jahr in Washington eine weitere Professur an. Nach einer Station in Wien als Präsidentin des österreichischen Wissenschaftsfonds ab 2013 ist Ehrenfreund seit August 2015 Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt mit 8.000 Mitarbeitern.

Das Gespräch führte Hans Krump

Aus Politik und Zeitgeschichte

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