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EDITORIAL
Jörg Biallas
Ab ins All!

Als die westfälische Kleinstadt sich auf die erste Mondlandung vorbereitete, machte der örtliche Elektro-Händler das Geschäft seines Lebens: Die Nachfrage nach Fernsehapparaten stieg sprunghaft an. Und weil trotzdem keineswegs jeder Haushalt ein TV hatte, wurden Familie und Freunde eingeladen, bei Salzstangen und Moselwein dem historischen Ereignis beizuwohnen. Fasziniert und atemlos starrten Alt und Jung auf das krisselnde Fernsehbild, als erstmals ein Mensch, der Amerikaner Neil Armstrong, den Mond betrat. Das All, so die stolze Botschaft, liegt der Welt zu Füßen.

Für uns Grundschüler wurde Armstrong zum Helden. Abends wurde am Himmel nach dem Mond gesucht. Beim Einschlafen kreisten die Gedanken wie in einer Umlaufbahn: Ich will auch dorthin! Ich will auch Amerikaner sein!

Morgens in der großen Pause war Mondlandung. Jeder wollte als Neil Armstrong aus dem Klettergerüst, das gute Dienste als Landefähre "Eagle" tat, möglichst pathetisch in den Sand des Spielplatzes springen. Da spätestens hier der Alleinvertretungsanspruch des selbsternannten Armstrong nicht mehr zu halten war, hüpften alsbald ein Dutzend Armstrongs in simulierten Zeitlupen-Bewegungen über den Schulhof. Sehr zu Freude der kichernden Mädchen, die so schon früh lernten, dass man die Spleens der Jungs am besten nicht so ernst nimmt. Erst im Klassenzimmer, das neuerdings "Apollo 11" hieß, legte sich die Euphorie.

Seitdem sind 50 Jahre vergangen. An der Faszination des Alls hat sich nichts geändert. Auch wenn die Weltraumforschung enorme Fortschritte gemacht hat, bleibt ein Mythos des Unergründbaren. Was ist das All? Wo endet es? Gibt es noch irgendwo Lebewesen? Können andere Planeten der Erde nützen, etwa als Energie- oder Rohstoff-Lieferant? Aber auch: Wie verletzlich ist das All, was dürfen wir ihm zumuten?

Die Forschung hat die Pflicht, ihr Tun ständig moralisch zu hinterfragen. Das geschieht freiwillig. Weil aber auch eine zunehmende Kommerzialisierung zu verzeichnen ist, ist die Politik gut beraten, sich intensiver mit Regeln im Umgang mit der Raumfahrt zu befassen. Das wird nur im internationalen Dialog gehen. Aber was sind schon Gespräche über irdische Grenzen hinweg, wenn es um das große Ganze, den Weltraum geht?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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