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Berateraffäre
Franz Ludwig Averdunk
Unter Bekannten

Ausschuss spürt Beziehungsgeflecht nach

Mit seinem Erinnerungsvermögen tat sich Björn Seibert, bis vor kurzem Chef des Leitungsstabs im Bundesverteidigungsministerium (BMVg), schwer. Aber bei seiner Zeugenvernehmung vergangene Woche im Untersuchungsausschuss des Verteidigungsausschusses hatte er noch gut die "große Betroffenheit" im Kopf, mit der 2018 die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) auf die Kritik des Bundesrechnungshofs an der Auftragserteilung an externe Berater reagierte. Sein Gefühl: "Innerhalb der Leitung gab es keinerlei Kenntnis über Vergaberechtsverstöße." Über diesen Befund wird sich seine damalige Chefin nicht grämen. Sie ist auch seine neue Chefin: Er arbeitet im Team der gewählten EU-Kommissionspräsidentin.

Insbesondere die Rechnungshof-Berichte über Rechts- und Regelverstöße bei Vergaben waren Anlass für die Untersuchung der Abgeordneten. Ein Aspekt ihrer Arbeit: Sie wollen einen Überblick bekommen über persönliche Kennverhältnisse.

Von der Leyen hatte 2014 Katrin Suder als Staatssekretärin ins BMVg geholt. Die war bis dahin Berliner Bürochefin der Unternehmensberatung McKinsey. Suder sollte den Rüstungsbereich auf Vordermann bringen. Zur Unterstützung wurde der Job eines Beauftragten für die strategische Steuerung der Rüstung geschaffen. Für den bewarb sich erfolgreich Gundbert Scherf. Wegen seiner fachlichen Qualifikation sei er von Suder gefragt worden, versicherte Scherf bei seiner Zeugenvernehmung. Beide kannten sich beruflich gut nach jahrelanger Zusammenarbeit bei McKinsey.

Um leitende Mitarbeiter von Ministerium und Beschaffungsamt auf die neue Ausrichtung des Rüstungsgeschäfts einzustimmen, wurden zwei große Veranstaltungen geplant. Scherf wollte sie nach eigenem Bekunden erst selbst in Szene setzen. Schlau sei das nicht, wurde ihm wohl gesagt: Sei er doch die verkörperte Veränderung. Also fragte er bei einem Motivationsfachmann an, der mit einer ähnlichen Veranstaltung schon beim Auswärtigen Amt erfolgreich war: Oliver Triebel von der Firma LEAD. Man kannte sich als einstige McKinsey-Kollegen.

Scherf kannte auch Timo Noetzel, Repräsentant des Beratungsunternehmens Accenture, das einen Auftrag nach einer vom Bundesrechnungshof gerügten Vergabe bekommen hatte. Scherf war als einer der Paten dabei, als Noetzel im September 2016 zur Taufe seiner fünf Kinder eingeladen hatte. Ein anderer Pate: General Erhard Bühler, damals Abteilungsleiter Planung im Ministerium. Unter den Gästen: Katrin Suder.

Ende 2016 schied Scherf wieder aus und ergatterte eine Anstellung bei seinem alten Arbeitgeber McKinsey. Derweil arbeitete sich bei der bundeseigenen BWI GmbH, dem IT-Dienstleister der Bundeswehr, Ulrich Meister als Geschäftsführer ein - wohl ein Duz-Bekannter Suders. Er wurde später freigestellt. Laut Aufsichtsratsmitglied Klaus-Hardy Mühleck ging es um eine freihändige Auftragsvergabe an die Firma Orphoz, einer hundertprozentigen Tochter von McKinsey.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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