Inhalt

Gastkommentare - Pro
Anja Krüger, "die tageszeitung", Berlin
Eine falsche Kultur

Bundesbahn statt Bahn AG?

E in Vierteljahrhundert nach dem Zusammenschluss der Staatsbahn der DDR und der Bundesbahn zu einer Aktiengesellschaft steht eins fest: Diese Rechtsform hat sich nicht bewährt. Die Bahn ist in einer tiefen Krise, auch weil sich mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft eine falsche Unternehmenskultur entwickelt hat. Rentabilität, nicht Gemeinwohlorientierung ist das Ziel dieser Kultur. Auch wenn die Bahn Staatseigentum geblieben ist, der Begriff "Aktiengesellschaft" signalisiert den Ehrgeiz, sie als gewinnorientierten Konzern zu betreiben, der weltweit tätig und wettbewerbsfähig ist. Aber die Bahn muss sich nicht - wie es jetzt geschieht - um den Busverkehr in anderen Ländern kümmern. Sie sollte sich auf den bestmöglichen Personen- und Güterverkehr hierzulande konzentrieren - und zwar gemeinwohlorientiert.

Die Bahn leidet heute unter den falschen Weichenstellungen, die das damalige Management im Zuge des glücklicherweise abgeblasenen Börsengangs vorgenommen hat. Die unzähligen Verspätungen, Zugausfälle und Serviceprobleme haben hier ihren Ursprung. Die überfällige Modernisierung und der erforderliche Ausbau der Kapazitäten werden nur gelingen, wenn sich die Bahn grundlegend wandelt. "Behördenbahn" nannten Spötter die frühere Bahn, bevor sie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Ja, das klingt nach Bürokratie und wenig Innovationsfähigkeit - aber auch nach Verlässlichkeit. Die Bahn muss sich neu erfinden. Sie muss die Verlässlichkeit der Behördenbahn mit der Modernisierungsfähigkeit eines gemeinwohlorientierten Unternehmens verbinden. Aber: Diese Großreform ist nicht in erster Linie Sache der Manager in der Chefetage der Deutschen Bahn, sondern der Politik.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag