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EDITORIAL
Kristina Pezzei
Die Bahn hat Zukunft

Etwa 210.000 Menschen folgen dem Twitter-Account "Bahn-Ansagen", bei dem Reisende, aber sicherlich inoffiziell auch Bahnmitarbeiter witzige Durchsagen von Zugbegleitern wiedergeben. Da geht es dann um Currywurst statt Weihnachtsgans, knutschende Zugteile und allerlei Klamauk, aber auch um Ansagen wie: "Wir haben zwar 30 Minuten Verspätung, aber alle Anschlusszüge ebenfalls. Also ändert sich für Sie im Grunde nicht viel, alles ist einfach eine halbe Stunde später. Ihr Logistikpartner Deutsche Bahn." Spätestens, wer solche Sätze zwei Mal liest, erkennt das Tragisch-Komische hinter dem vermeintlich Lustigen: Der Bahn geht es nicht gut und bei den Fahrgästen hat sich ohnehin Resignation breit gemacht.

Die Gründe dafür sind so laut diskutiert worden, dass sich jeder als Bahn-Experte fühlen darf, der sich ab und zu mit Informationen versorgt. Jahrzehntelanges Sparen, ausbleibende politische Impulse, manche Managemententscheidung pro Börse statt pro Kunde, ein Geflecht aus Abhängigkeiten von Unternehmensteilen, das kaum zu durchschauen und schon gar nicht zu entwirren ist. Ein Herumdoktern an den Symptomen dürfte nicht reichen, um diese verfahrene Lage zu ändern. Ein Neuanfang muss her - das fordern nicht nur Oppositionspolitiker, sondern Teile der Bahn selbst.

Denn in dem ganzen Lamentieren über den Zustand der Bahn wird vergessen, was Verkehrsmittel und Unternehmen sein könnten, ja sein müssten: Wenn der Mobilitätssektor mehr zum Klimaschutz beitragen soll, dann ist die Bahn einer der Schlüssel für eine entsprechende Wende, im Fern- genauso wie im Öffentlichen Nahverkehr. Wenn über die Wohnungsprobleme in Ballungsräumen und das Veröden von Dörfern geredet wird, dann wird es entscheidend von der Verkehrsinfrastruktur abhängen, ob ein Ausgleich gelingt. Bei der Kombination von Verkehrsmitteln - Stichwort Intermodalität - käme der Bahn die Rolle als tragende Säule zu, mit attraktiven Ticketangeboten, Fahrkomfort und Service. Die Bahn als Teil der Daseinsvorsorge. Für eine solche Zukunft braucht es eine starke, gesunde und verlässliche Bahn, die verkehrspolitische Debatten vorantreibt, anstatt ihnen hinterher zu hecheln.

Bahnfahren würde dann wieder richtig Freude bereiten - auch wenn die Reisenden auf das eine oder andere Späßchen eines berufssarkastischen Zugbegleiters verzichten müssten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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