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Gastkommentare - Contra
Julia Löhr, "Frankfurter Allgemeine Zeitung"
Urwald-Träume

Weniger Wald bewirtschaften?

D em deutschen Wald geht es nicht gut, das steht außer Zweifel. Zwei überaus heiße und trockene Sommer haben ihm zu schaffen gemacht. Vor allem die in Deutschland häufigste Baumart, die Fichte, leidet. Jahrzehntelang wurde sie dafür geschätzt, dass sie so schnell wächst und sich so gut als Rohstoff für die Bau- und Möbelindustrie eignet, ebenso wie für die Energiegewinnung. Doch leider zeigt sich jetzt, dass sie mit Trockenheit besonders schlecht umgehen kann. Angesichts der Tristesse in vielen Regionen verwundert es nicht, dass Umweltschützer einen behutsameren Umgang mit dem Wald fordern, in Zukunft nur noch einen kleineren Teil der Fläche "bewirtschaften" wollen - ein Wort, das heute weitaus kritischer gesehen wird als in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele Fichten angepflanzt wurden.

Doch es ist ein Trugschluss zu glauben, mit einem deutschen Urwald werde schon alles wieder gut. Dass die Fichten-Monokulturen der Vergangenheit ein Fehler waren, ist weitgehend Konsens. Die wenigsten Waldeigentümer wollen sich auf Kosten der Natur bereichern. Die große Mehrheit setzt längst auf eine Mischung aus Nadel- und Laubbäumen, die Wetterextreme besser übersteht. Hinzu kommt: Um einen bewirtschafteten Wald kümmert sich jemand. Schädlinge wie der Borkenkäfer werden dort schneller erkannt, bestenfalls, bevor sie auf gesunde Bäume übergreifen. Und noch etwas sollte nicht vergessen, wer gegen die Bewirtschaftung des Waldes wettert: Viele Kommunen brauchen die Einnahmen aus dem Holzverkauf, um ihre Freizeit- und Kulturangebote zu finanzieren. Von einem nachhaltig bewirtschafteten Wald profitiert sowohl die Natur als auch der Mensch.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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