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USA
Dirk Hautkapp
Wenn Tweets nicht helfen

In der Corona-Krise wachsen die Zweifel der Amerikaner an den Fähigkeiten ihres Präsidenten

Fragt man Ärzte und Schwestern in amerikanischen Krankenhäusern via Skype, was sie abseits von Erholung am dringendsten benötigen, dann kommen aus erschöpften und deprimierten Gesichtern oft immer noch die Standards von vor sechs Wochen: Es fehlt an Masken, Gummi-Handschuhen und Kitteln, um die vielen Coronavirus-Patienten adäquat behandeln und sich selbst vor Ansteckungsgefahren wirksam schützen zu können.

Bei Donald Trumps täglichen TV-Auftritten im Weißen Haus, bei denen die Grenzen zwischen Presse-Unterrichtung und Wahlkampf-Ego-Show längst fließend sind, klingt das radikal anders. Der Präsident erweckt beim Vorlesen der von niemandem nachgehaltenen Beschaffungs-Statistiken über medizinische Grundmaterialien zur Eindämmung der Seuche den Eindruck, als lebten die USA im Vergleich zu anderen Ländern im Versorgungsparadies. Folgerichtig werden kritische Nachfrager als "boshaft" abgekanzelt. Oder "undankbar". Oder beides.

Attacken Mit den meist substanzlosen Attacken kämpft Trump gegen ein sich schleichend verfestigendes Bild in der Öffentlichkeit an, das dem Amtsinhaber ein halbes Jahr vor der Wahl Unbehagen bereitet. Eine Mehrheit der Amerikaner goutiert sein Krisen-Management nicht, dessen Widersprüchlichkeit vielleicht am besten mit zwei Facetten beschrieben ist. Noch Anfang März versprach Trump, das Virus werde einfach verschwinden, wenn der Frühling wärmere Temperaturen bringe. Keine sechs Wochen später warnte Trump davor, dass die USA bis zu 2,2 Millionen Tote zu gewärtigen hätten, wenn die Ansteckungswelle nicht mit einem radikalen "Shutdown" und strenger Distanzwahrung gebremst werde.

Landläufig hat sich die von Wissenschaftlern unterfütterte Meinung etabliert, dass Trump die Corona-Gefahr zu lange ignoriert und relativiert hat, obwohl es Warnungen aus höchsten Kreisen von Pentagon bis hin zu Epidemiologen der eigenen Bundesinstitute gab. Mit der Konsequenz, dass die Bevölkerung weder strukturell noch mental ausreichend vorbereitet war, als die Infektionen Ende Februar stark zu steigen begannen.

Heute stehen die USA im Weltmaßstab mit einer beispiellos bitteren Zwischenbilanz da. Die Zahl der Infizierten wird nach der Vorausschau von Forschern der Johns Hopkins-Universität in Baltimore bald die Millionen-Grenze erreichen. Die Zahl der Toten hat die Schallmauer von 50.000 bereits durchbrochen. Die durch Ausgangsbeschränkungen zur "sozialen Distanzierung" erzeugte Stilllegung des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens wird die Arbeitslosmeldungen bis zum Tag der Arbeit (1. Mai) auf mehr 30 Millionen anwachsen lassen, prophezeien Ökonomen.

Obwohl Regierung und Kongress Hilfspakete im astronomischen Volumen von bisher 2.700 Milliarden Dollar ausgereicht haben, darunter Schecks in Höhe von 1.200 Dollar für Einzelpersonen mit einem Jahreseinkommen unter 100.000 Dollar und zweistellige Milliardensummen für große Unternehmen, befindet sich die US-Wirtschaft im freien Fall. De facto, sagen Kongress-Abgeordnete, liege die Arbeitslosenquote schon heute bei mehr als 20 Prozent.

In dieser Gemengelage sucht Trump, der sich durch Ausgrenzung der Wählerschaft links der Mitte den Ruf des "Polarisierers-in-Chief" erworben hat, nach Gesten, die einheitsstiftend wirken sollen. So ist "Operation America Strong"entstanden. Dabei handelt es sich wie so oft bei Trump um patriotisch aufgeladene Symbolik am Himmel. Im Luftraum über New York, Philadelphia, Chicago, New Orleans, Dallas, Atlanta, Portland, San Francisco, Los Angeles und vielen anderen Ballungszentren werden demnächst die Flugakrobaten der Marine ("Blue Angels") und der Luftwaffe ("Thunderbirds") ihre Künste demonstrieren, um sich für die "nationale Einheit einzusetzen und den vielen Helfern im Gesundheitswesen Tribut zu zollen", wie Trump es formuliert.

Am Boden geht der Zickzackkurs, den Trump seit Beginn der Epidemie fährt, weiter. Nachdem der Präsident einen unverbindlichen Drei-Stufen-Plan veröffentlicht hat, nach dem das Land schrittweise wieder in Normalbetrieb übergehen soll, zeichnet sich ein Flickenteppich von Regionen ab, in denen Geschäfte, Restaurants, Friseur-Salons und Bowlingbahnen schon bald wieder Kunden empfangen, während es im Nachbarbundesstaat noch "closed shop" heißt. Dabei kommt es zu kuriosen Scharmützeln.

Schelte So hat Trump, der seit Wochen auf Wieder-Eröffnung des Landes pocht, den republikanischen Gouverneur von Georgia, Brian Kemp, dafür gescholten, zu früh die Zügel schleifen zu lassen. Dahinter steht die tiefe Sorge seiner Top-Wissenschaftler Anthony Fauci und Deborah Birx, dass im Südstaat die Fallzahlen zeitversetzt nach oben schnellen werden, wenn der Lockerung der Ausgangsbeschränkungen nicht eine massive Ausweitung von Tests vorangeht. Nur dann lasse sich verlässlich über den Grad der Durchseuchung urteilen, sagt Anthony Fauci.

Bei den Tests jedoch hapert es nicht nur in Georgia. Auch wenn Trump permanent das Gegenteil beschwört, sind die erreichten Test-Zahlen (landesweit weniger als fünf Millionen) aus Sicht der Wissenschaft "noch viel zu dürftig". Auch hier spielt die Regierung in Washington nicht mit sauberen Karten. Sie war es, die durch Schlampereien der Seuchenschutzbehörde CDC wertvolle Zeit verstreichen ließ, um einen verlässlichen Virus-Test zu produzieren und für die Bundesstaaten zu bevorraten. Sie war es auch, die bis heute zulässt, dass die Bundesstaaten beim sprichwörtlichen Beschaffungskampf um Schutzmasken und Test-Utensilien miteinander konkurrieren.

Ausgerechnet ein angesehener Parteikollege Trumps, Marylands republikanischer Gouverneur Larry Hogan, hat den Missstand kürzlich offengelegt. Über Kontakte seiner aus Asien stammenden Frau ließ der Chef der Dachorganisation aller 50 US-Gouverneure aus Seoul 500 000 Test-Kits für seinen Bundesstaat einfliegen - "der Not gehorchend". Trump war über die Bloßstellung über alle Maßen pikiert.

Sie zahlt nach Ansicht von US-Kommentatoren auf das Konto von Trumps designiertem Herausforderer Joe Biden ein. Der demokratische Alt-Vizepräsident will eine zweite Amtszeit des Rechtspopulisten zum Frommen der "Seele Amerikas" verhindern. Wie Trump im Verlauf der Coronavirus-Pandemie agiert, könnte Biden bei aller Vorsicht vor verfrühten Prognosen ausweislich diverser Umfragen am 3. November in die Hände spielen.

Der Autor ist US-Korrespondent der Funke-Mediengruppe.

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