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HISTORIE
Winfried Dolderer
33 Tage Utopie

Vor 40 Jahren entstand auf einer Waldlichtung bei Gorleben die »Freie Republik Wendland«

Heinz Brandt war sich schon damals sicher. "Wir haben in Gorleben ein Phantasiedorf verloren", resümierte der linke Gewerkschafter, einstige Widerstandskämpfer, Auschwitz-Überlebende und DDR-Dissident: "Und wir haben die Schlacht für die Phantasie gewonnen." Nicht viel anders sieht es aus jahrzehntelanger Distanz Claudia Roth: "Es waren 33 Tage Utopie", sagt die frühere Grünen-Vorsitzende und heutige Bundestagsvizepräsidentin, "die bis heute nachwirken." Die Rede ist von der "Freien Republik Wendland", die in diesen Tagen vor 40 Jahren gegründet wurde. Am 3. Mai 1980 strömten rund 5.000 Atomkraftgegner auf eine halbwegs zwischen den Dörfern Trebel und Gorleben gelegene Waldlichtung, um sich dort auf Dauer einzurichten. "Wir waren ein bisschen erstaunt, dass das so ohne weiteres ging", erinnert sich die Hamburger Journalistin und Filmautorin Gabi Haas, die damals dabei war.

Hüttendorf Die Besetzer waren in Trebel aufgebrochen und fünf Kilometer marschiert, mit Kochgeschirr, Schlafsäcken, Werkzeug, Proviant und Baumaterial. Tagelang war auf dem einen Hektar messenden Gelände der Lärm unablässigen Hämmerns zu hören. Aus umliegenden Wäldern schleppten Besetzer ausgewachsene Baumstämme heran. Für das Fundament eines Wachturms buddelten sie sich zwei Meter tief ins sandige Erdreich. Das größte Bauwerk, das "Freundschaftshaus" in der Mitte des Geländes, stand schon nach zwei Tagen. Ingenieurstudenten hatten die achteckige Konstruktion entworfen und mit Computerhilfe das Dach so berechnet, dass sich gleichzeitig hundert Menschen darauf aufhalten konnten. Im Umkreis wuchs ein Sammelsurium in Palisaden- und Blockhausarchitektur aus dem Boden, rund 120 Hütten, in denen sich 500 bis 1.000 Besetzer regelmäßig aufhielten.

Den Zufahrtsweg sperrte ein Schlagbaum. Ein Schild mit der Aufschrift "Halt BRD" markierte die Grenze der sich fortan unabhängig gebärdenden "Freien Republik Wendland", deren Staatsbürgerschaft Besucher für zehn Mark erwerben konnten. Sie erhielten dafür einen "Wendenpass", der laut Aufschrift "im gesamten Universum" gültig sein sollte, und zwar solange sein Besitzer "noch lachen" könne. "Der Inhaber dieses Passes ist Bürger der Republik Freies Wendland und gibt somit zu verstehen, dass ein Staat, der die Unversehrtheit seiner Menschen nicht gewährleistet, der die natürliche Ausgewogenheit zwischen Menschen, Pflanzen, Tieren und Mineralien nicht erhalten kann (...), dass ein solcher Staat nicht länger der Seine ist", war in das grüne Dokument gedruckt. Solche Ausweise müssen bundesweit noch in zahlreichen Schubladen herumliegen. "Fragen Sie mich nicht, wo der ist", sagt Roth, "aber ich habe einen bekommen."

Denkwürdig findet sie die "Freie Republik Wendland" in mindestens dreierlei Hinsicht. Zum einen, weil sie völlig unterschiedliche Milieus integriert habe: "Es waren nicht bloß Protestler dabei, die aus Hamburg oder sonst wo angereist waren, sondern immer auch ein Querschnitt der Gesamtbevölkerung, Pfarrer und Lehrerinnen, Ärztinnen und natürlich die Bauern." Die "starken Persönlichkeiten" seien die Menschen aus der Region gewesen, "die den Widerstand mit ihren Mitteln geprägt haben". Auswärtige und Einheimische: "Beides hat zusammengehört."

Sie hätten überdies sehr grundsätzliche, über ihr unmittelbares Anliegen hinausweisende Themen zur Debatte gestellt: "Die Freie Republik Wendland ist etwas ganz Besonderes gewesen, weil sie nicht nur ein Protest gegen, sondern auch eine Demonstration für etwas war - für ein anderes Leben, für eine andere Art der Gemeinsamkeit und Freiheit. Es ging dabei auch um die Frage, was eigentlich Wohlstand bedeutet, und welche Rolle dabei das Privateigentum spielt." All dem habe dieselbe Idee zugrunde gelegen, die damals auch die erste Generation der Grünen inspiriert habe: "Der Mensch hat nicht das Recht, die Natur auszubeuten und grenzenlos in sie einzugreifen."

Nicht zuletzt als Zukunftslabor, wo Probleme thematisiert wurden, "vor denen wir heute immer noch stehen", sei das Hüttendorf erinnerungswürdig, findet Roth. "Damals wurden die ersten Versuche gemacht, die Sonne als Energiequelle zu nutzen. Es wurde überlegt, wo es alternative, natürliche Energieformen gibt. Rückblickend finde ich es wirklich beeindruckend, wie sehr auch die Wendländer bereits vor 40 Jahren nach vorn gedacht haben." Handwerker aus der Umgebung bauten einen mit Solarzellen beheizbaren Warmwasserbereiter. Ein Windrad lieferte den Strom für die Batterien der Alarmanlage, der Brandwache sowie des Senders "Radio Freies Wendland", der am 18. Mai den Betrieb aufnahm und sich von ständig wechselnden Standorten aus vernehmen ließ. "Die Freie Republik Wendland, Appell des Gewissens, war eine Himmelsspiegelung: die Fata Morgana einer Wirklichkeit, deren irdischer Ort erst auszumachen ist", bilanzierte der damals 70-jährige linke Visionär Heinz Brandt, der sich bei der Räumung mit den Besetzern vom Platz hatte tragen lassen.

Das Wendland, der Kreis Lüchow-Dannenberg, der im äußersten Osten Niedersachsens entlang der Elbe schnabelgleich ins Gebiet der DDR hineinragte, zählte 1980 bereits gut drei Jahre lang zu den Brennpunkten des Anti-Atom-Protests in der Bundesrepublik - seit am 22. Februar 1977 der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) verkündet hatte, dass die Gemeinde Gorleben zum Standort einer Wiederaufbereitungsanlage und eines Endlagers für radioaktive Abfälle ausersehen sei. Damit stieß er - womöglich zu seiner Überraschung - im strukturschwachen Zonenrandgebiet auf massiven Widerstand.

Als im März 1979 eine Treckerkarawane aus Lüchow-Dannenberg nach Hannover rollte und dort 100.000 Demonstranten aufmarschierten, machte Albrecht einen ersten Rückzieher. Er räumte ein, dass die "politischen Voraussetzungen" für den Bau der geplanten Wiederaufbereitungsanlage "zur Zeit nicht gegeben" seien. An der Absicht, den in einer Tiefe von 300 bis 3.500 Metern gelegenen Gorlebener Salzstock zu einem Endlager für hoch radioaktive Abfälle auszubauen, hielt die Landesregierung indes fest. Seit der zweiten Jahreshälfte 1979 ließ die "Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen" (DWK) Probebohrungen vornehmen, um die Beschaffenheit des Untergrunds zu erforschen. Vorgesehen waren drei Bohrlöcher, die mit den Ziffern 1002 bis 1004 in die Gorleben-Chronik eingingen.

Zwar gab es Widerstand, doch er richtete zunächst wenig aus. Auch nicht, als im Januar 1980 Atomkraftgegner auf Bäume kletterten, um Rodungsarbeiten am Ort der geplanten Bohrstelle 1003 zu behindern. In den "Trebeler Bauernstuben", wo sich Mitglieder der örtlichen Bürgerinitiative mit Unterstützern aus den umliegenden Universitätsstädten gelegentlich zu Strategieberatungen trafen, war seither davon die Rede, es beim nächsten Mal mit einer etwas spektakuläreren Aktion zu versuchen. Auf einer kahlen Fläche sollte im Mai die Probebohrung mit der Kennziffer 1004 in die Tiefe gehen. Bereits im Juli 1979 hatten Atomkraftgegner hier einen Kreis von Findlingen als "wendische Kultstätte wahrscheinlich aus dem Jahr 1004" hinterlassen. Wie wäre es, das Terrain jetzt dauerhaft zu besetzen?

Unumstritten war das Vorhaben keineswegs. Werde es überhaupt gelingen, auf die Brachfläche vorzudringen? Was, wenn militant Linksradikale sich der Aktion bemächtigten? In den "Trebeler Bauernstuben" redeten Einheimische und Auswärtige sich die Köpfe heiß. Was tun, wenn die Polizei zum Räumen antrat? Untergehakt auf dem Boden sitzen bleiben, sich ohne physische Gegenwehr wegtragen lassen, lautete die Verständigung. Claudia Roth charakterisiert sie mit den Worten: "Die Anti-Atom-Bewegung ist ins Wendland gekommen und hat sich an die Regeln gehalten." Die seien von den Einheimischen aufgestellt worden. "Es war eine große Errungenschaft, diesen Konsens zu erreichen. Das war das Entscheidende", sagt auch die damalige Mitbesetzerin Haas.

Zur Nagelprobe kam es, als am 4. Juni 1980 die Staatsmacht mit dem bis dahin imposantesten Polizeiaufgebot der Nachkriegsgeschichte erschien. Mit Reiterstaffeln, Hunden, Wasserwerfern, Bulldozern. Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes knatterten über dem Gelände. "Die Bilder haben mich damals sehr geprägt", sagt Roth. "Auf der einen Seite rund 2.000 friedliche Menschen, die gewaltlos gegen Atomkraft protestieren. Auf der anderen Seite mindestens 3.500 Polizisten, vermutlich mehr, zum Teil schwer aufgerüstet - gekommen, um Menschen wegzuschleppen und in Handschellen zu legen, die gegen die Atomkraft und für ihre demokratischen Rechte eingestanden waren."

Beobachter sahen unschöne Szenen. "Die Leute, die abgeräumt werden, machen gar nichts und werden trotzdem zusammengetreten", berichtete "Radio Freies Wendland". Ein NDR-Reporter sprach von "einigen Beamten", denen offenbar "die Nerven durchgegangen" seien: "Sie schlugen wahllos, ich habe das in drei Fällen beobachten können, auf Demonstranten ein, die nichts anderes taten als auf dem Erdboden zu sitzen."

Die heutige Parlamentsvizepräsidentin kannte damals Brennpunkte des Protests, Wackersdorf, Brokdorf, Gorleben, aus eigener Anschauung. Sie habe dort "den Staat erlebt, der sein Visier heruntergeklappt hatte" gegen die Bürger: "Da wurde das Demonstrationsrecht mit Knüppeln eingeschränkt. An der Uni in München wurden die Büchertische weggefegt, und in Brokdorf kreisten die Hubschrauber im Tiefflug über uns hinweg, während wir uns auf den Boden gekauert haben. Ich habe mich damals gefragt: In welchem Land lebe ich eigentlich? Bin ich wirklich die Feindin eines Staates, nur weil ich mich einsetze gegen eine Technologie, die nicht beherrschbar ist?"

Ein Schlüsselrolle spielte das Wendland auch in der Geschichte ihrer Partei. Hier nahmen politische Biographien ihren Anfang, die in den Bundestag und ins Europaparlament führten. In Gorleben, wo seit 1984 zunächst schwach, seit 1995 auch stark radioaktiver Müll in stets von Turbulenzen begleiteten Transporten ins Zwischenlager rollte, erlebten die Grünen auch die Grenzen der Möglichkeiten einer Regierungspartei: "Als ich damals Parteivorsitzende war, habe ich eine Vorstellung davon bekommen, wie es plötzlich ist, auf einer Demo ausgebuht oder als Verräterin beschimpft zu werden, weil du schwierigste Kompromisse mit deinem Koalitionspartner hattest schmieden müssen, fernab der reinen Lehre. Das war eine schmerzliche, aber auch lehrreiche Erfahrung. Selbst die richtigste Forderung kannst du trotz Regierungsbeteiligung nicht von heute auf morgen umsetzen. Auch nicht den Atomausstieg."

Letztendlich, meint Roth, habe das Jubiläum durchaus seine tragische Seite. Nach all den Jahrzehnten gebe es noch immer nirgendwo auf der Welt ein Endlager für nuklearen Müll. Das zeige, wie unverantwortlich es gewesen sei, in eine Technologie einzusteigen, ohne die Folgen zu bedenken: "Es war deshalb richtig vor 40 Jahren, diesen Fortschrittswahn in Frage zu stellen. Und es ist weiterhin richtig, diese Technologie hierzulande und weltweit politisch zu bekämpfen."

Erinnerungsort Die Freie Republik Wendland zählt mittlerweile längst zu den Erinnerungsorten der deutschen Geschichte. In Lüchow besteht seit 2001 ein von Historikern zunehmend frequentiertes Gorleben-Archiv, das neben Prozessakten, Sitzungsprotokollen und anderem Schriftgut 90.000 Fotos verwahrt, 5.000 Stunden Filmmaterial sowie 600 Plakate. Vorsitzende des Trägervereins ist Gabi Haas. Der verbeulte Sender von "Radio Freies Wendland" befindet sich seit 2015 im Deutschen Technikmuseum in Berlin.

Im Rahmen eines Promotionsprojekts grub der Hamburger Archäologe Attila Dézsi in den Jahren 2017 und 2018 auf dem Gelände des einstigen Hüttendorfes. Unter einer Schicht von sechzig Zentimetern Sand und Schutt, die die Planierraupen bei der Räumung hinterlassen hatten, legte er die Fundamente zweier Hütten frei. Durch Luftbildaufnahmen ließen sich die Standorte von 60 Hütten identifizieren. Eine Auswahl archäologischer Funde, Coladosen, Gasmasken, Kochtöpfe, Reißverschlüsse, einige den Besetzern, andere der Polizei zuzuordnen, war im Februar 2019 in einer Ausstellung in der Wendland-Gemeinde Jameln zu sehen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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