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EDITORIAL
Jörg Biallas
Frust am Küchentisch

Mehr und mehr erfasst der Corona-Frust die Nation. Der anfängliche Reiz des selbstbestimmten Arbeitens am heimischen Küchentisch weicht der Sehnsucht nach einer Konferenz mit leibhaftigen Kollegen im Büro. Die unerwartete Erfahrung eines entschleunigten Daseins in nahezu allen Lebensbereichen konkurriert zunehmend mit der Erkenntnis, dass produktive Hektik auch ganz reizvoll sein kann. Und die Hoffnung, diese Pandemie könne wie ein Albtraum am nächsten Morgen folgenlos verflogen sein, zerrinnt mit jedem Tag, der weltweit wieder Tausende Virustote zählt.

In einer solchen Situation läuft die Politik Gefahr, den Menschen im Land in ihrem Wunsch nach einer Rückkehr zur Normalität weiter entgegenzukommen, als es vernünftig ist. Im Detail kann über eine Lockerung der Regeln für einen Schutz gegen Corona trefflich diskutiert werden. Was bringt eine Pflicht, im öffentlichen Raum Atemmasken zu tragen? Wie gefährlich ist es, jetzt Kindergärten und Schulen zu öffnen? Was unterscheidet kleinere Ladenlokale bei der Infektionsgefahr von solchen mit mehr als 800 Quadratmetern? Nicht immer sind die Beiträge aus der Politik bei der Orientierung in diesen Fragen hilfreich.

Auch wenn es schwer vorstellbar ist: Die Coronawelle ist noch immer im Anfangsstadium. Entspannung, gar ein Ende der Infektionsgefahr sind nicht in Sicht. Und selbst wenn das in Europa eines Tages so ist, werden die Menschen noch lange unter dieser Geißel leiden, in Afrika, in Asien, in Südamerika. Das fordert die westliche Welt abermals, zuvorderst in humanitärer, aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Überhaupt wäre es trotz der großen Probleme vor der eigenen Haustür hilfreich, die globalen Krisen nicht ganz aus dem Blick zu verlieren. Auch in Corona-Zeiten schreitet die Erderwärmung voran, werden Kriege geführt, flüchten verzweifelte Menschen vor Not und Elend in ihrer Heimat.

Deshalb ist es wichtig, dass die parlamentarische Demokratie hierzulande handlungsfähig bleibt. Wie für alle anderen Menschen, die ihre beruflichen Pflichten ernst nehmen, ist es derzeit auch für Abgeordnete mühsam und nicht ohne persönliches Risiko, den Plenarbetrieb aufrechtzuerhalten. Wenn dann als nahezu einzige Reaktion der Öffentlichkeit ein - im Übrigen weitgehend unumstrittener - Verzicht auf eine Erhöhung der Bundestagsdiäten gefordert wird, ist das ein bisschen dürftig.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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