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Amri-Ausschuss
Winfried Dolderer
Gewissheiten hinterfragt

Seltsame Spurenlage nach dem Anschlag mit dem Lastwagen

Am Abend des 19. Dezember 2016 gegen 20 Uhr preschte ein Schwerlaster in den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz. Soviel ist unbestritten und unbestreitbar. Am Steuer saß ein Tunesier namens Anis Amri. Das ist ebenfalls weithin unbestritten. Aber auch unbestreitbar? Anders gefragt: Sollte einer, der einen Lastwagen kapert und damit eine halbe Stunde durch Berlin fährt, am und im Führerhaus nicht jede Menge Fingerabdrücke und DNA-Material hinterlassen?

Genau das tat Amri nicht. Im Amri-Untersuchungsausschuss ist es der Grünen-Abgeordnete Konstantin von Notz, von Beruf Rechtsanwalt, der Gewissheiten gerne gegen den Strich bürstet. Das Bundeskriminalamt (BKA), wandte sich von Notz in der vorigen Woche an einen Zeugen, könne allein deswegen unerschütterlich behaupten, Amri sei der Täter, weil der Mann mausetot ist. Im Grunde ein Glücksfall. Wären die Ermittler in der Zwangslage, im Strafverfahren gegen einen lebenden Amri den gerichtsfesten Nachweis zu führen, dass er und kein anderer am Steuer saß, könnte es, meinte von Notz, eng werden.

Mischspuren Der Zeuge, Kriminalhauptkommissar A.Q., gehört seit 2003 dem BKA an und ist seit Ende 2007, wie er dem Ausschuss berichtete, mit der Abwehr des "religiös motivierten internationalen Terrorismus" befasst. Nach dem Breitscheidplatz-Attentat war er vom 21. Dezember 2016 bis zum 24. März des Folgejahres in der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) "City" tätig, die die Ermittlungen federführend betreute, und zwar im Bereich "Asservatenkoordinierung".

Um zu schildern, was sich an Hinweisen auf Amris Person im Tatfahrzeug gefunden hatte, genügten ihm wenige Worte. Abdrücke von Daumen sowie Mittel-, Zeige- und Ringfinger der rechten Hand an der Außenseite der Fahrertür. Zwei weitere Fingerabdrücke auf einer 50-Euro-Banknote in einer Geldbörse, die am Tag nach dem Attentat entdeckt wurde und auch eine auf einen Aliasnamen Amris ausgestellte Duldungsbescheinigung enthielt. Zwei "Mischspuren" aus DNA-Material, für die Amri nach Expertenansicht als Mitverursacher "in Betracht zu ziehen" sei. Die eine am Lenkrad, die andere auf einem Zettel, der auf der Tachoanzeige lag, allerdings erst bei einer Zweitbesichtigung am 10. Januar 2017 sichergestellt wurde.

Dass dies eine dürftige Spurenlage sei, wie einige der Ausschussmitglieder meinten, mochte der Zeuge nicht gelten lassen. Man dürfe das alles auch nicht überbewerten. Es komme durchaus vor, dass Gegenstände, die eindeutig einer bestimmten Person zuzuordnen und regelmäßig in Gebrauch seien, ein Mobiltelefon, eine Geldbörse, dennoch kaum verwertbares Spurenmaterial des Besitzers aufwiesen.

Adrett gekleidet Es gibt freilich weitere Merkwürdigkeiten. Wie ist zu erklären, fragte Irene Mihalic (Grüne), dass an Amris Leiche ausweislich des italienischen Autopsieberichts keinerlei Hautabschürfungen, Prellungen, Verletzungen anderer Art, nicht der geringste Kratzer, zu sehen waren? Der Mann hatte immerhin nur drei Tage vor seinem Tod in einem Fahrzeug gesessen, durch dessen Windschutzscheibe sich ein Weihnachtsbaum bohrte.

Nicht minder irritierend wirken Aufnahmen einer Überwachungskamera in einer Unterführung am Bahnhof Zoo, die zeigen, wie Amri fünf Minuten nach dem Anschlag geschniegelt und adrett gekleidet, offenbar völlig entspannt und gemächlich herumschlendert.

Aus der Befragung des Kriminalhauptkommissars ging weiter hervor, dass die Ermittler 13 im Zusammenhang mit dem Anschlag gesicherte DNA-Profile definitiv nicht haben zuordnen können. Auch ein solcher Befund nährt Phantasien. Wer hat sich da noch am Tatort herumgetrieben, von dem wir nichts wissen? Vielleicht Amris Komplize, nach dem namentlich Oppositionsvertreter in Ausschuss ebenso hartnäckig wie bisher ergebnislos forschen?

Auch der Zeuge A.Q. war durch noch so beharrlich vorgetragene Einwände der Abgeordneten im Ausschuss letztlich nicht zu erschüttern: "Das Spurenbild ist, wie es ist. Ich muss mit den Erkenntnissen leben, die ich habe. Ich persönlich vertrete die Ansicht, dass Anis Amri dieses Fahrzeug gefahren hat."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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