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U-Ausschuss
Winfried Dolderer
Bei Anruf Gänsehaut

BKA-Beamter über den Tod Anis Amris

Er wird Tag und Stunde bis an sein Lebensende nicht vergessen: "Es rieselt mir heute noch den Rücken runter." Am 23. Dezember 2016 gegen 10 Uhr vormittags war Kriminalhauptkommissar A.H. außerhalb seines Büros im Gebäude der deutschen Botschaft in Rom unterwegs, als sein Mobiltelefon klingelte. Am Apparat war ein italienischer Kollege, der mitteilte, dass Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, sechs Stunden zuvor bei Mailand erschossen worden war. Es war wohl das einprägsamste Telefonat des Polizisten während dessen vierjähriger Dienstzeit in Rom.

Wie es sich zutrug, dass er als erster deutscher Polizist überhaupt vom Ableben Amris erfuhr, berichtete der Zeuge A.H. in der vergangenen Woche vor dem Untersuchungsausschuss "Breitscheidplatz". Er war damals gerade seit einem halben Jahr als Verbindungsbeamter des Bundeskriminalamts (BKA) in Italien tätig, und nach diesem Anruf war ihm klar, dass die kommenden Tage anders verlaufen würden als gedacht: "Ich hatte mich auf ruhige Weihnachten mit meiner Frau gefreut."

Statt dessen verständigte H. umgehend die Kollegen der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) "City", die in Berlin nach dem Anschlag die Ermittlungen führten. Dort war man noch völlig ahnungslos. In den Nachrichten war von der frühmorgendlichen Schießerei am Bahnhof von Sesto San Giovanni bis dahin nicht die Rede gewesen. Am Spätnachmittag setzte sich H. dann ins Auto und erreichte gegen 23 Uhr Mailand, wo er anderntags einen Termin im Polizeipräsidium hatte.

Der U-Ausschuss hatte mit diesem Zeugen die Erwartung verbunden, nicht mehr und nicht weniger als Klarheit über Amris Todesumstände zu gewinnen. Was hatte er bei sich? Welchen Eindruck machte seine Leiche? Was sagte der Beamte, der ihn erschossen hatte? Wie sah es am Ort des Geschehens aus? Vor ziemlich genau zwei Jahren, Ende Juni 2018, hatte der Ausschuss eine damalige Kollegin des Zeugen in Rom zu Gast, die berichten konnte, dass das BKA schon Ende 2015 an Amri interessiert war. Für alle Fragen, die Vorkommnisse in Italien nach dem Attentat betrafen, verwies sie auf Kriminalhauptkommissar A.H. Der sei damals vor Ort gewesen.

Nun zeigte sich, dass der BKA-Beamte den Ereignissen zwar ziemlich nahe gekommen ist, so nah aber auch wieder nicht. An der Besprechung im Mailänder Polizeipräsidium nahmen fünf aus Berlin angereiste BKA-Kollegen teil, bei denen, wie er sich ausdrückte, die "Federführung" lag. Vielfach waren es die jeweils sachverständigen deutschen und italienischen Beamten, die einzeln beieinander saßen. Der Zeuge A.H. war mit Vermittler- und ab und zu auch mit Übersetzerdiensten behilflich, nahm aber nicht an allen Gesprächen teil.

Amris Leiche bekamen die deutschen Beamten nicht zu Gesicht, von den Gegenständen, die bei ihm sichergestellt worden waren, nur Fotos. Auch dem italienischen Polizisten, der Amri erschossen hatte, sei er damals nicht begegnet, sagte A.H. aus. Ob die angereisten Kollegen um ein solches Treffen gebeten hatten, wisse er nicht. Die Identität Amris hätten die Italiener anhand von Fingerandrücken festgestellt, allerdings "zweifelsfrei", meinte der Zeuge.

Über die letzten Minuten im Leben des Anis Amri bekam der Zeuge in Mailand zu hören, was später auch durch die Medien ging. Demnach hätten zwei Polizisten am frühen Morgen des 23. Dezember einen Mann beobachtet, der "unschlüssig" am Bahnhof herumlungerte. Die Beamten hätten ihn gebeten, sich auszuweisen. Der Mann habe geantwortet, seine Papiere seinen im Rucksack. Er habe hineingegriffen, aber statt eines Ausweises eine Pistole hervorgezogen und sofort das Feuer eröffnet. Einer der Beamten sei verletzt worden, der andere habe zurückgeschossen und Amri tödlich getroffen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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