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Bernd Haunfelder
Trauer um SPD-Politiker Vogel

Der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel (Foto) ist am 26. Juli im Alter von 94 Jahren verstorben. Trotz seiner schweren Erkrankung hatte er noch bis zuletzt den kritischen Dialog gesucht. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) sagte, Deutschland verliere eine prägende Persönlichkeit. "Ich habe ihn als leidenschaftlichen Sozialdemokraten kennengelernt, der Politik stets aus tiefer Überzeugung und aus innerer Verpflichtung gestaltet hat", sagte Schäuble.

Kein anderer führender Nachkriegspolitiker, nicht Willy Brandt (SPD), Helmut Kohl (CDU) oder Helmut Schmidt (SPD), hatte schon in so jungen Jahren ganz oben gestanden. 34-jährig wurde Vogel 1960 Münchner Oberbürgermeister. Das Amt ließ den Juristen, der das moderne kommunalpolitische Gesicht seiner Partei repräsentierte, bundesweit bekannt werden. Seine bis 1972 währende Amtszeit, so sagte er, habe ihn stärker als alle späteren Aufgaben geprägt.

Vogel trat erst danach auf die bundespolitische Bühne. Willy Brandt übertrug ihm das Bundesbauministerium. 1974 wechselte er ins Justizressort. Dort zeichnete er unter anderem für die Reform der Strafprozessordnung, für die Reform des Paragraphen 218, aber auch für das neue Ehe- und Familienrecht verantwortlich. 1981 folgte ein kurzes Zwischenspiel als Regierender Bürgermeister in Berlin. Nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition im Jahr 1982 trat Vogel 1983 als Kanzlerkandidat gegen Helmut Kohl an und unterlag. "Er wäre ein exzellenter Kanzler geworden", schrieb Erhard Eppler (SPD) in seinen Erinnerungen. Von 1983 bis 1991 stand Vogel an der Spitze der SPD-Bundestagsfraktion. Als Brandt 1987 den Parteivorsitz abgab und sich seine "Enkel" der Verantwortung versagten, trat Vogel seine Nachfolge an. Erstmals stand ein bekennender Katholik an der Spitze der SPD. 1991 gab er beide Ämter ab und zog sich 1994 aus der Politik zurück. Im Bundestag war er mit einer kurzen Unterbrechung seit 1972.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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