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Wolfgang Geist, 72 Jahre, Erfurt, ehm. Die Linke
Aufgeschrieben von Paul-Philipp Braun

Bereits nach meinem Abitur 1968 trat ich in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) ein. Das war mein großer Wunsch und ich tat es aus freien Stücken. Vor allem, weil ich etwas verändern wollte. Meine Kindheit war gewiss keine leichte Zeit: Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, meine Mutter hatte sieben Jungs. Der Zweite Weltkrieg war gerade erst vorbei, wir litten immer wieder Hunger und einer meiner Brüder starb früh.

Als die SED in den 1960er Jahren mit ihren Sozialmaßnahmen begann, war ich begeistert und wollte dabei sein. Nach einem Kandidatenjahr wurde ich aufgenommen, war fortan ein einfaches Mitglied. Dabei bin ich ein guter Organisator. Schon mit 14 hielt ich eine Rede vor der gesamten Schule, mit 18 organisierte ich unseren Abiturball quasi im Alleingang. In Leipzig studierte ich Geschichte und noch während ich promovierte, schloss ich ein Archivstudium an. Ich ging ins DDR-Staatsarchiv nach Coswig und erhielt 1981 das Angebot, Verantwortlicher für das Archivwesen des Bezirks Erfurt zu werden. Eine Herausforderung war die Wohnungssuche. Durch einen glücklichen Zufall bekam ich eine neue Wohnung im neunten Stock eines Neubaublocks. Bis heute wohne ich mit meiner Frau genau in dieser Wohnung, bin inzwischen sogar Ortsteilbürgermeister für das Gebiet am Berliner Platz,. Meine Parteimitgliedschaft spielte für die Wohnung keine Rolle, wie auch für die anderen Dinge im Alltag nicht.

Als sich in der Mitte der 1980er Jahre abzeichnete, dass es große Umbrüche geben würde, da begrüßte ich das zunächst. Ich war zwar Parteimitglied, dennoch wusste ich ja, wo es hakt. Es gab damals einfach eingefahrene Gleise, in denen man zu oft verharrt ist. Ich hatte mich im Leben eingerichtet, habe aber versucht, die Missstände von innen heraus zu ändern. Ein Widerstandskämpfer war ich nie. Das liegt sicher auch daran, dass ich Diskussionen um Begriffe nicht mag. Ich bin kein Ideologe, sondern packe an, wo es Not tut. Ich bin eben an der Basis, hatte nie die Ambitionen, ein Parteiamt zu übernehmen.

Dass ich auch nach der Wende in der Partei blieb, das war für mich klar. Alles andere wäre ehrenrührig gewesen. Ich war wegen einer Idee Mitglied und die wollte ich auch im neuen Deutschland noch umsetzen. Ich trat in die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) ein und beschäftigte mich in dieser Zeit zunehmend auch mit Demokratieverständnis, durfte in den 1990ern sogar in der Landeswahlkommission des Freistaats Thüringen sein.

Als die PDS zur Linken wurde, sah ich darin eine große Chance, auch auf Bundesebene etwas zu bewegen. Und die Wahlergebnisse gaben mir Recht. Dass aber auch heute noch ein kultureller Unterschied zwischen den Verbänden in Ost und West besteht, bedauere ich sehr. 2009 fragten mich die Linken, ob ich für sie als Ortsteilbürgermeister kandidieren will. Ich sagte sofort zu und gewann die Wahl. Seitdem bin ich für alle Bürger hier im Gebiet Ansprechpartner, ganz unabhängig von der Parteizugehörigkeit. Trotzdem habe ich die Linken zum Beginn des Jahres verlassen, bin nun parteilos. Die Gründe hierfür sind allerdings sehr persönlich, sie haben nichts mit Politik oder handelnden Personen zu tun.

Aufgeschrieben von Paul-Philipp Braun

Der Autor ist freier Journalist und Fotograf.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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