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Gila Altmann, 71 Jahre, Aurich, Bündnis 90/Die Grünen
Aufgeschrieben von Geertje Meyer

Mit den etablierten Parteien konnte ich zu Beginn wenig anfangen. Die Anti-AKW-Bewegung, Gorleben, die Umweltbewegung - dort lagen die Wurzeln meines Engagements. Und dann gab es 1981 hier in Aurich Grüne. Der Name war selbsterklärend. Das entsprach meinem Lebensgefühl. Grünsein brachte zu der Zeit berufliche Nachteile mit sich. Als Lehrerin habe ich das durchaus gespürt. Trotzdem habe ich die Mitgliedschaft nie bereut. Als ich zu den Grünen ging, hatte ich keine parteipolitischen Ambitionen. Das änderte sich 1986 bei den Kommunalwahlen, als Frauen für die Räte gesucht wurden. Ich kandierte mit Erfolg als Ratsfrau in Aurich.

Nach einem ersten Versuch 1990 zog ich 1994 in den Bundestag ein. Zuvor wurde ich die erste hauptamtliche Vorsitzende des Grünen Landesverbandes. Als Anhängerin der Grünen-Rotationsregelung wollte ich maximal zwei Legislaturperioden im Bundestag sein. Für mich ist ein Mandat Verantwortung auf Zeit. Als Abgeordnete und später als Parlamentarische Staatssekretärin lebte ich auf der Überholspur. Durch die Termine und Aufgaben gab es jede Menge Stress, Verantwortung und wenig Zeit für soziale Kontakte. Eine Herausforderung war der Brückenschlag zwischen Parteibasis und Bundespolitik. In der Oppositionszeit war es leichter, grüne Essentials einzufordern, aber als Teil der rot-grünen Bundesregierung gelang dies nicht oder nur in Ansätzen. Auf Bundesebene ging es damals unter anderem um den Atomausstieg und den Kosovokrieg. Das waren dicke Bretter, da liest einem die Basis verständlicherweise auch mal die Leviten. Als Vermittlerin zwischen Parteibasis und Fraktion wird von beiden Seiten die Durchsetzung der Beschlüsse eingefordert und Standfestigkeit erwartet, das ist keine leichte Aufgabe.

Mir war wichtig, nach der Zeit im Bundestag eine Zäsur zu machen. Nach drei Jahren Projektarbeit bot sich mir die Chance, als Regierungsberaterin nach Aserbaidschan zu gehen. 2011, zum Ende meiner Tätigkeit in Baku, habe ich für die Kommunalwahl 2012 auf einem hinteren Listenplatz kandidiert, und bin 2014 in den Auricher Kreistag nachgerückt. Seit 2016 bin ich auch wieder im Auricher Stadtrat. Warum ich mir das antue? Es macht noch Spaß! Ich denke, meinetwegen verlängern sich Sitzungen manchmal, weil es immer noch etwas nachzufragen oder beizutragen gibt. Wahrscheinlich ist es der langjährigen Erfahrung auf unterschiedlichen politischen Ebenen geschuldet, den Sachen auf den Grund gehen zu wollen. Unsere Aufgabe als Kommunalpolitikerinnen ist es, die Verwaltung zu unterstützen und zu kontrollieren. Dazu gehört auch, ihr Handeln zu werten und kritisch zu hinterfragen. Die politische Arbeit in meinem Ortsverband macht Spaß. Wir verbinden unsere Themen mit vielen Aktivitäten. Das sorgt für ein gutes Gemeinschaftsgefühl. Ob ich nochmal kandidiere? Das schließe ich nicht aus und mache es nicht vom Alter abhängig, sondern davon, ob ich noch Lust und Kraft habe. Die Grünen haben mir Möglichkeiten eröffnet, für die ich dankbar bin, auch wenn es manchmal sehr belastend war. Blessuren gehören dazu. Ich bin bei den Grünen richtig, mit allen Höhen und Tiefen. Und das Positive überwiegt eindeutig.

Die Autorin ist Redakteurin bei der Ostfriesen Zeitung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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