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EDITORIAL
Jörg Biallas
Anders, aber cool

"Berlin, du bist so wunderbar", schwärmt "Kaiserbase" in seinem Popsong, der als Bierwerbung bekannt geworden ist. Warum Berlin "so wunderbar" ist, erklärt der Liedtext leider nur sehr rudimentär.

Immerhin ahnt der geneigte Zuhörer: Berlin ist besonders, anders. Irgendwie. Nur: Was genau macht diese Faszination aus? Woher kommt das Schwärmen für eine Metropole, die es nicht schafft, einen Flughafen in wenigstens halbwegs angemessener Zeit zu bauen; deren öffentliche Verwaltung die Leidensfähigkeit der Bevölkerung immer wieder neu auf die Probe stellt; die ihre Bewohner seit Jahr und Tag mit einem öffentlichen Verkehrssystem drangsaliert, das anderswo längst für Kundenmeuterei gesorgt hätte?

"Det is Berlin". Mit einer Mischung aus Resignation, Gleichgültigkeit, Trotz und der Überzeugung, dass auch Unzulänglichkeiten reizvoll sein können, erklären die Berliner den Stolz auf ihre Stadt.

Und es stimmt ja auch: In keiner anderen deutschen Metropole lassen sich alternative Lebensmodelle so leicht umsetzen. Nirgendwo sonst stößt privater wie beruflicher Freiheitsdrang auf ein verständnisvolleres Umfeld. In Berlin wird experimentiert und toleriert, gescheitert und gewonnen. Oder schlichter: In Berlin wird gelebt. Jede und jeder, wie sie oder er will.

Nicht zuletzt junge Menschen aus der ganzen Welt schätzen diese Atmosphäre. New York, London, Berlin: Auf der Liste der bevorzugten Orte zum Studieren oder Arbeiten nimmt Berlin seit Jahren einen der vorderen Plätze ein. Das besondere Flair an der Spree ist für viele das entscheidende Argument, dorthin zu gehen. Hinzu kommen ganz bürgerliche Komponenten. Berlin punktet im Vergleich zu anderen Metropolen noch immer mit einem preiswerten Lebensunterhalt. Beruflich eröffnen sich gerade in den Zukunftstechnologien interessante Perspektiven. Seit Jahren hofiert die Stadt Start-up-Unternehmen, die inzwischen zum Teil ausgesprochen erfolgreich sind.

Berlin ist in vielerlei Hinsicht eine Stadt der Gegensätze. Ihr Motto hat der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mit "arm, aber sexy" geprägt. Wem das zu plakativ ist, der trifft das Lebensgefühl in Berlin ebenso präzise mit: anders, aber cool.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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