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Bergkarabach
Silvia Stöber/Thomas Franke
Gespaltene Gesellschaft

Die Vorstellungen über die Bedingungen für einen Frieden gehen in der Region weit auseinander

Irina Safarjan hat Covid 19. "Ich habe mich bei meiner Mutter angesteckt", berichtet die 28-Jährige, "die hat das knapp überlebt." Safarjan kommt aus Stepanakert, der Hauptstadt von Bergkarabach. Wie die meisten der 145.000 Einwohner ist auch sie vor den anrückenden aserbaidschanischen Truppen geflüchtet. Sie schätzt, dass etwa die Hälfte der Flüchtlinge aus Karabach infiziert sind, ebenso viele der Soldaten. Trotz der Erkrankung ist sie noch einmal nach Karabach gefahren - und stand wie viele erst mal im Stau. "Fast auf der ganzen Länge der Straße brennen Häuser. Die Leute schnappen das Nötigste und setzen ihre Häuser in Brand, damit dort keine Aserbaidschaner einziehen können."

Inzwischen haben die Aserbaidschaner entsprechend der Friedensvereinbarung die Kontrolle über zwei Gebiete um Bergkarabach übernommen, eine weitere Region müssen die armenischen Truppen bis 1. Dezember räumen.

Das Bewusstsein für die Gefahr der Pandemie sei gering, sagt Lara Aharonjan vom Human Rights House in Eriwan. "Die Vertriebenen tragen keine Masken. Die meisten haben Covid 19, ohne es zu wissen. Sie haben andere Probleme und denken darüber nicht nach." Armenien zählt derzeit, pro Kopf gerechnet, zu den weltweit am stärksten von Covid 19 betroffenen Ländern. Aharonjan befürchtet, dass die Situation mit dem heraufziehenden Winter noch schlimmer wird. Diese Sorge teilt auch Boris Navasardjan vom "Yerevan Press Club". Die Organisation setzt sich für professionelle Berichterstattung in Armenien ein, ihr Chef Navasardjan ist ein nüchterner Beobachter der armenischen Politik. "Die Regierung ist angesichts der vielen Probleme wie gelähmt", sagt er. "Man kann den Eindruck gewinnen, dass sie nichts oder nur sehr wenig tut."

Tatsächlich präsentierte Regierungschef Nikol Paschinjan am 18. November einen 15-Punkte-Plan für die nächsten sechs Monate. Er enthält Regelungen zur Rückkehr der armenischen Flüchtlinge nach Bergkarabach und den Wiederaufbau ihrer kriegszerstörten Häuser. Auch die armenischen Soldaten und Zivilisten in aserbaidschanischer Gefangenschaft sollen zurück nach Hause kommen. Über diese und andere Punkte will Paschinjans Regierung in Friedensgesprächen mit Aserbaidschan unter Vermittlung der OSZE-Minsk-Gruppe verhandeln, die Russland, Frankreich und die USA anführen.

Für die Innenpolitik nannte Paschinjan ebenfalls ehrgeizige Ziele: eine grundlegende Reform der Streitkräfte, Fortsetzung des Kampfs gegen die Korruption, das Ankurbeln der kriselnden Wirtschaft bei gleichzeitiger Bekämpfung von Covid 19.

Dennoch fordern viele, darunter auch Staatspräsident Armen Sarkissjan, Paschinjans Rücktritt. Unter anderem will der Präsident nichts vom Inhalt der Friedensvereinbarung gewusst haben, der Paschinjan in der Nacht vom 9. auf den 10. November zugestimmt hat. "Sie haben dem Waffenstillstand zugestimmt, ohne es mit den Menschen abzusprechen", beklagt auch Irina Safarian. "Das kann man nur Verrat nennen."

Ohne Anerkennung Karabach hatte sich nach einem Krieg in den 1990er-Jahren für unabhängig von Aserbaidschan erklärt, wurde aber von keinem Staat der Welt anerkannt - auch nicht von Armenien, von dem es aber komplett abhängig ist. Dort bekamen die Bewohner Pässe, sie hatten die gleiche Währung. Soldaten aus dem Mutterland verrichteten ihren Dienst an der schwer gesicherten und nie ganz sicheren Frontlinie.

Paschinjans Einverständnis für den Waffenstillstand hat den Bewohnern von Karabach schmerzhaft demonstriert, dass sie nur ein Pseudostaat waren. Viele Menschen in Armenien sahen darin eine Kapitulation. "Die Gesellschaft ist gespalten", beobachtet Navasardian vom Press Club inzwischen. Dabei glänzten die Armenier bisher eher durch Geschlossenheit, besonders, wenn es um Karabach ging. Doch nun liegen die Nerven blank, der Frust ist groß.

Zehntausende Flüchtlinge Das liegt auch daran, dass eine Niederlage gegen die Aserbaidschaner nie wirklich einkalkuliert wurde - trotz deren über die Jahre gewachsener offensichtlicher militärischer Übermacht. "Es gibt aber auch viele Menschen, die weder die Regierung noch die Opposition unterstützen", erläutert Navasardjan. "Sie meinen, dass wir uns, egal wie der Machtkampf ausgeht, darauf konzentrieren müssen, konkrete Probleme zu lösen."

Und die sind groß. Da sind die Zehntausenden Kriegsflüchtlinge, die nicht alle in ihre Häuser zurück können oder wollen, und die Frontkämpfer, die nun schwer traumatisiert zurückkehren. Und das in einer Zeit, in der das Augenmerk der Behörden eigentlich auf die Bekämpfung der Covid-19-Pandemie gerichtet sein sollte. Die Menschen helfen sich gegenseitig, erzählt Safarjan: "Es grenzt an ein Wunder, dass meine Mutter nicht gestorben ist. Die Leute haben uns sehr geholfen und wir konnten sie im letzten Moment in ein Krankenhaus bringen." Dort sei sie fast einen Monat künstlich beatmet worden.

Ortswechsel: In einer Fußgängerzone im Zentrum der armenischen Hauptstadt Eriwan stehen drei Frauen hinter einem Tisch. Eine von ihnen ist Lesmonja. Sie ist 65 Jahre alt, routiniert kneten ihre kräftigen Hände Teig für Fladenbrote. Neben ihr steht eine schmale Eisenplatte, auf der werden die dünnen, mit Kräutern gefüllten Brote kurz gebacken. "Früher habe ich das auf dem Markt in Stepanakert gemacht." Lesmonja ist Anfang Oktober von dort nach Eriwan geflohen. Das Geschäft mit dem Brot läuft gut, die Solidarität der Einheimischen ist groß. Viele kaufen die Fladen, um zu helfen. "Ich behalte nur so viel Geld, wie ich zum Leben brauche, den Rest spende ich für die Soldaten."

Sie ist bei Verwandten untergekommen. Lange redete niemand offen über die Möglichkeit einer Niederlage, stattdessen versuchten viele, bis zum letzten Moment den Anschein von Normalität zu wahren. Erst nach dem Waffenstillstand wurde den Menschen in Armenien nach und nach klar, wie aussichtslos die Lage an den Fronten in Bergkarabach war. Dabei war die Überlegenheit der Aserbaidschaner von Anfang an klar. "Wir sind alle wie blutleer und moralisch niedergeschlagen", klagt Irina Safarjan.

Die Solidarität sei groß, erzählt Hratch Davidjan, der eine Kellerbar im Zentrum von Eriwan betreibt. An Stehtischen trinken bärtige Männer Bier. "Wir haben sehr viele Sachen aus Frankreich, aus Belgien, aus Amerika bekommen, um sie an die Front zu schicken. Schlafsäcke zum Beispiel." Davidjan ist selbst ein Kind von Diaspora-Armeniern. Während des Ersten Weltkriegs wurden im damaligen Osmanischen Reich wahrscheinlich 1,5 Millionen Angehörige seines Volkes systematisch ermordet und vertrieben. Er selbst wurde vor 58 Jahren in Libanons Hauptstadt Beirut geboren und ist vor elf Jahren nach Armenien "zurückgekehrt", wie er es nennt. "Wenn ich die Chance gehabt hätte, Soldat zu werden, wenn ich an die Front hätte gehen können, hätte ich das gemacht." Er erzählt von einem Minihotel in seiner Nachbarschaft. In allen zwölf Zimmern seien Flüchtlinge aus Karabach untergebracht: "Keine Männer. Nur Kinder, Frauen und alte Damen. Es bricht mir das Herz."

Dass Armenien selbst nach dem Waffenstillstand 1994 sieben aserbaidschanische Gebiete über Karabach hinaus als "Sicherheitszone" besetzt gehalten hat, darüber sprechen nur wenige. Viele sehen wie Davidjan Armeniens Existenzrecht in Gefahr. Dass nun russische Soldaten dem Frieden sichern, müssen die Armenier ebenso wie die Aserbaidschaner hinnehmen; russische Soldaten im Konfliktgebiet hat keine der beiden Seiten gewollt.

Auch den Wunsch nach Frieden gibt es auf beiden Seiten. Doch über die Bedingungen insbesondere für die Armenier in Bergkarabach gehen die Vorstellungen weit auseinander.

Hass und Gewalt Der jahrzehntelang geschürte Hass aufeinander erhält in diesen Tagen noch immer Nahrung: In sozialen Medien finden sich Videos, die offenbar aserbaidschanische Soldaten zeigen, wie sie Armenier aufs Schwerste misshandeln. Immerhin kündigte die Generalstaatsanwaltschaft Aserbaidschans Ermittlungen dazu an.

Was zu Hass und Gewalt zwischen Armeniern und Aserbaidschanern führte und wie viel Schuld und Verantwortung die jeweils eigene Seite daran trägt, wurde in beiden Ländern bis heute nicht richtig aufgeklärt. Während Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew bereits wieder die Opposition ins Visier nimmt, beginnen in Armenien im Angesicht der schweren Niederlage vorsichtige Diskussionen auch über eigene Fehler.

Die Autoren sind freie Osteuropa-Korrespondenten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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