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Gastkommentare - Pro
Ursula Weidenfeld
Das ganze Leben

Schulen als Letztes schließen?

I n diesen Tagen wird viel über Lebenschancen nachgedacht. Zu Recht geht es in erster Linie um diejenigen, die von einer Covid-19-Erkrankung besonders bedroht sind. Sie müssen geschützt werden. Doch mindestens ebenso wichtig sind die Chancen der Kinder und Jugendlichen. Sie müssen gebildet werden. Schule und Unterricht sind entscheidend, wenn es um ihre Aussichten geht, ein gutes und zufriedenes Leben führen zu können. Deshalb muss alles getan werden, um den Schulbetrieb möglich zu machen.

Schon jetzt haben die Kinder und Jugendlichen Monate verloren. Der Schulausfall im Frühjahr und die Beschränkungen im Sommer und Herbst haben ihnen Zeit gestohlen, zu lernen, Sport zu treiben, sich auf die berufliche Ausbildung und das Studium vorzubereiten. Schon jetzt warnen Bildungsforscher, dass sie ihr Leben lang darunter leiden werden. Sie können keine Praktika absolvieren, um sich zu orientieren, werden verzögert in das Berufsleben starten und langfristig weniger verdienen als die Generation vor Corona.

Deshalb muss der Unterricht stattfinden. Werden die Weihnachtsferien verlängert, müssen die Ferien in 2021 verkürzt werden. Wenn feste Gruppen nur an jedem zweiten Tag in der Schule unterrichtet werden können, müssen die Schultage im kommenden Jahr länger werden. Wenn Lehrer feststellen, dass ihnen im digitalen Lernprozess die Kinder verloren gehen, die es ohnehin besonders schwer haben, müssen diese Kinder öfter in die Schule gehen dürfen - und in den Ferien die Gelegenheit bekommen, das Versäumte nachzuholen.

Klar, die Lage ist mehr als schwierig. Doch hier geht es um Lebenschancen, die mehr betroffen würden als nur durch unbequeme Einschränkungen. Hier geht es um das ganze Leben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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