Inhalt

Wirtschaft
Susanne Kailitz
Katalysator für den Wandel

Corona belastet den Einzelhandel schwer. Doch die Krise birgt auch Chancen für die Stadtzentren

Zwischen Sorge und Aufbruchstimmung liegen an diesem kalten Novembertag in Chemnitz keine hundert Meter. Während Peggy Albrecht in ihrem Laden für Mode und Kunst auf Kundschaft wartet, hat Michelle Nötzel in ihrem Fleischladen gerade das Mittagsgeschäft hinter sich. Ihre Geschäfte sind nur wenige Meter voneinander entfernt, auf dem Brühl, einer kleinen Promenade im Innenstadtgebiet von Chemnitz. Beide Unternehmerinnen blicken auf ein Dreivierteljahr Corona zurück - und haben heute ganz unterschiedliche Gemütslagen, die in diesen Zeiten durchaus symptomatisch für den städtischen Handel sind.

Dieser leidet unter der Pandemie im ganzen Land: Überall ist die Zahl der Kunden gesunken, viele Menschen verzichten seit vielen Monaten darauf, schlendern oder shoppen zu gehen. Von "drastischen Umsatzrückgängen, Geschäftsschließungen, Kundenabwanderung zum Online-Handel" ist in einem gemeinsamen Positionspapier der Bundesstiftung Baukultur, des Deutschen Verbands für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung, des Handelsverbands Deutschland (HDE) und urbanicom, dem Deutschen Verein für Stadtentwicklung und Handel, die Rede. Corona habe den stationären Handel in den Innenstädten in eine "nie dagewesene Krise" gestürzt.

Auch Peggy Albrecht leidet unter dem Wegbleiben vieler Kunden. Laufkundschaft habe sie im Moment kaum, wenn, dann kämen Menschen gezielt in ihren Laden - oder würden ihre Bestellung gleich online aufgeben. Über die Möglichkeit, ihre Waren auch im Internet zu vertreiben, ist sie zwar froh, aber wirklich aufgefangen werde der Rückgang dadurch nicht. "Online sichtbar zu werden ist für so Kleine wie uns wirklich schwer." Ohne die staatliche Unterstützung hätte sie das Frühjahr wohl nicht überlebt. Und doch bleibt für die Solo-Selbständige die Sorge: "Was, wenn ich in Quarantäne muss oder krank werde? Das wäre wirklich eine Katastrophe."

Auch Experten wie Michael Reink sind in Sorge. Der HDE-Bereichsleiter Standort und Verkehrspolitik sagt, der erste Lockdown habe dem stationären Einzelhandel "bis zu 90 Prozent Frequenzverluste" eingebracht. Ein Drittel der Umsätze sei weggebrochen. Darunter litten nicht alle Branchen gleichermaßen, aber für Schuh- und Textilhändler seien zeitweise bis zu drei Viertel der Umsätze weggefallen. In einer Befragung von Anfang November habe mehr als die Hälfte der Unternehmen angegeben, sie würden sich in ihrer Existenz bedroht sehen. "Die Situation ist bedrohlich."

Das Positionspapier malt ein düsteres Bild: Das Wegbrechen des privaten Konsums habe zur "tiefsten Rezension in der deutschen Nachkriegsgeschichte" geführt. Menschen, die im Lockdown auf Internetshopping umgestiegen seien, würden "aus Bequemlichkeitsgründen nicht in vollem Umfang in den stationären Handel zurückkehren" mit der Folge, dass viele Läden, Cafés, Bars und Restaurants schließen müssten. Dieses Sterben werde sich fortsetzen und "in vielen Lagen massive zusätzliche Leerstände und Funktionsverluste mit negativen Auswirkungen auf das Stadtbild und die öffentlichen Räume" verursachen. Das sei nicht neu, erklärt Reink. Bereits in den vergangenen Jahren sei die Lage für den Einzelhandel aufgrund der Online-Konkurrenz nicht einfach gewesen; Corona aber wirke wie "ein Brandbeschleuniger", man müsse mit dem Verschwinden von rund 50.000 Geschäften rechnen.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat gerade erst mit Gemeindevertretern, Verbänden und Händlern Strategien gegen das Ladensterben in der Pandemie diskutiert, um die Innenstädte zu retten. Die seien nämlich "ein wichtiger Teil unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens und unseres Wirtschaftsstandortes" und sollen möglichst "wieder Lieblingsplätze für die Menschen werden". Entscheidend dafür seien Digitalisierung und die Schaffung von Erlebnisräumen mit Kultur und Gastronomie, meint Altmaier. Gewachsene Stadtzentren zu bewahren sei "elementar" für den Wirtschaftsstandort Deutschland sowie dessen kulturelle und regionale Identität.

Michelle Nötzel sieht in der Pandemie sogar einen Katalysator. Sie führt in Chemnitz den Fleischladen, ein Feinkostgeschäft mit Restaurant, in dem die Produkte regionaler Bauern verkauft und verarbeitet werden. Im September 2019 habe sie mit ihrem Lebensgefährten den Laden eröffnet, erzählt Nötzel. "Und dann kam Corona. Mieser hätte es für ein junges Unternehmen eigentlich nicht laufen können." Dass sie beim Erzählen dennoch so fröhlich klingt, mag Nötzels Naturell geschuldet sein - und gleichzeitig der Tatsache, dass Kreativität und Entschlossenheit den Fleischladen bisher sehr gut durch die Krise manövriert haben. Das Team musste das Restaurant schließen, kocht aber jetzt Speisen zum Mitnehmen und setzt noch stärker auf den Verkauf. Und auf ein Konzept, das Nötzel für die Zukunft des Handels hält: Gemeinsamkeit. "Wir haben uns mit den anderen Händlern auf dem Brühl zusammengetan. Wir sehen die nicht als Konkurrenz, sondern als Mitstreiter. Alleine geht es nicht, zusammen schon." In der Brühlbox etwa stecken Waren verschiedener Anbieter, Anfang Dezember stellt der Fleischladen Regale auf, sodass die verschiedenen Anbieter in den Räumen in einem Weihnachtsmarkt Corona-Style ihr Sortiment anbieten können. Unter dem Motto "Ohne dich geht es nicht. Kauf lokal!" haben die Brühl-Händler eine Marketingkampagne insbesondere auf Social Media gestartet, um ihrem Boulevard ein persönliches Gesicht zu geben.

Bei älteren Gewerbetreibenden sehe sie häufig "ein ganz ungesundes Konkurrenzdenken", sagt Nötzel, "da wird dem anderen nichts gegönnt. Wir sehen uns hier als Gemeinschaft, die zusammen durch die Krise kommt. Wir müssen die Leute von Amazon weghalten und in die lokalen Geschäfte vor Ort bringen."

Silberstreifen am Horizont Davon ist auch Peggy Albrecht bei allen Sorgen überzeugt. Auch sie schwört auf ihre treue Kundschaft - und sieht außerdem einen Silberstreif am Horizont: Gerade erst hat Chemnitz sich im Wettbewerb um die Europäische Kulturhauptstadt 2025 durchgesetzt und erhofft sich dadurch in vielen Bereichen positive Effekte. Im Sommer habe es viele Events gegeben, erzählt Albrecht, sie habe etwa in ihrer Siebdruckwerkstatt Kulturhauptstadt-Logos auf Shirts gedruckt und Workshops gegeben. "Das hat uns sehr geholfen und pusht die Stadt in den nächsten Jahren hoffentlich noch mehr."

Blaupause für andere Städte Und so könnte der Brühl, der es nie zur klassischen Innenstadtlage mit großen Marken und riesigen Flächen gebracht hat, durchaus zu einer Blaupause für viele andere Städte werden. Denn davon, dass Corona und das Ladensterben durchaus auch positive Auswirkungen auf die Innenstädte haben könnten, geht Thomas Krüger, Stadtplaner an der Universität Hamburg, aus. Schon lange würden die großen Filialisten angesichts der steigenden Umsätze, die sie online erzielen, vom Konzept der großen und teuren Ladenflächen abrücken. Würden sie sich aus den Innenstadtlagen zurückziehen, würde dies zu einem Rückgang der Mieten führen - und das wiederum könne eine Chance für neue und kreative Shop-Konzepte sein.

Grundsätzlich habe schon lange ein tiefgreifender Strukturwandel der Innenstädte eingesetzt, erklärt Krüger. Ungebremst werde er zu dem vom Handel erwarteten Niedergang und schwindender Attraktivität führen. "Aber mit einer klugen Planung ist er auch eine Chance dafür, die Zentren als kulturelle und soziale Orte wiederzubeleben." So, wie es etwa auf dem Chemnitzer Brühl schon zu sehen ist.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag