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Franz Averdunk
Schwere Vorwürfe der Prüfer

Vor dem Untersuchungsausschuss berichtet ein Zeuge von Hindernissen bei den Prüfarbeiten

Am mangelnden Beharrungsvermögen der Abgeordneten hat es beileibe nicht gelegen: Satte 14 Stunden lang bemühte sich in der vergangenen Woche der 3. Untersuchungsausschuss ("Wirecard"), das dunkle Umfeld um den Wirecard-Skandal aufzuhellen. Doch nur ein Zeuge gab bereitwillig Auskunft. Bei zwei führenden Männern der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY und einem Berater des Unternehmens Baker Tilly bissen die Abgeordneten auf Granit. Die drei ließen zahllose Fragen an sich abperlen und äußerten sich nur abstrakt zu ihren Aufgabenbereichen. Sie bekamen ein Ordnungsgeld von je 1.000 Euro aufgebrummt.

Diese Zeugen sprachen von der Gefahr einer strafrechtlichen Verfolgung, wenn sie sich nicht an ihre Verschwiegenheitspflicht hielten. Davon waren sie zwar vom Insolvenzverwalter und der neuen Unternehmensspitze befreit worden. Doch die ursprünglichen Auftraggeber - die alte Führung - müssten dies auch tun. Die schillerndste Figur dieser Riege, Jan Marsalek, ist jedoch abgetaucht. Nach Marsalek wird mit internationalem Haftbefehl wegen Betrugs in Milliardenhöhe gefahndet. Die Anwälte der Aussageverweigerer sprachen von einer uneinheitlichen Rechtslage und hoben auf eine richterliche Klärung ab.

Ob EY-Mitarbeiter beim Durchforsten der Bilanzen für die Jahresabschlussprüfungen der Wirecard AG sorgfältig genug vorgegangen sind, dem geht derzeit die zuständige Aufsichtsbehörde nach. Gegen zwei Wirtschaftsprüfer laufen berufsaufsichtliche Ermittlungen. Auch sie verweigerten als Zeugen die Aussage. Ihnen ließen die Abgeordneten das durchgehen, weil die Zeugen sich womöglich selbst belasten könnten.

Offenkundig ser viel misstrauischer als sie betrieb die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG die Durchleuchtung der Wirecard-Finanzen. Das Unternehmen war im Oktober 2019 vom damaligen Aufsichtsrat mit einer Sonderprüfung beauftragt worden - nach Berichten über massive Unregelmäßigkeiten bei Wirecard.

Der Leiter der Untersuchung, Alexander Geschonneck, sprach von einer ganz normalen Aufgabe für Profis: "Man kann ausreichende Prüfungsnachweise erlangen. Das ist keine Raketenwissenschaft." Gleichzeitig bissen sich auch er und sein zeitweise bis zu 40 Köpfe großes Team ein halbes Jahr lang an Wirecard fast die Zähne aus. Von dem Unternehmen seien "erhebliche Hürden und Hindernisse" aufgebaut worden: So seien Unterlagen gar nicht oder zu spät gelieferte worden, Termine wurden kurzfristig verschoben oder platzten ganz. Er beschrieb, wie beispielsweise KPMG angeblichen Konten und Kunden von Wirecard in Asien nachspürte. Dort arbeitete der Finanzdienstleister nach eigenem Bekunden mit Drittanbietern zusammen. Die Sonderuntersucher hätten "keine ausreichenden und angemessenen Nachweise" etwa für Umsatzerlöse oder Händlerbeziehungen ausgemacht. In Manila sei ihnen in zwei Bankfilialen nur mündlich mitgeteilt worden, dass es Konten gebe. Zugesagte Unterlagen seien nie übergekommen, sagte Geschonneck.

KPMG legte den Bericht Ende April vor und ließ sich laut Geschonneck nicht von einem klaren Befund abbringen: "Wir haben einfach die Fakten für sich sprechen lassen." Am Ende gestand Wirecard selbst Luftbuchungen über 1,9 Milliarden Euro ein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob das Unternehmen seit 2015 nur noch Scheingewinne ausgewiesen hat. Seit Jahresmitte ist es insolvent. Der Schaden für Aktionäre geht in die Milliarden. Ob Aufsichtsbehörden zu sehr weggesehen haben: Dies vor allem will der Untersuchungsausschuss herausfinden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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