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EDITORIAL
Jörg Biallas
Dienst am Nächsten

Viele Abgeordnete haben wochen- und monatelang mit sich gerungen, haben Argumente abgewogen, Meinungen gebildet, möglicherweise wieder verworfen, erneut diskutiert, endlich einen Entschluss gefasst. Und dann haben sie abgestimmt.

Egal wie, die Entscheidung über das neue Organspende-Gesetz hat sich niemand leicht gemacht. Das haben die Redebeiträge im Plenarsaal am vergangenen Donnerstag immer wieder gezeigt.

Deshalb gibt es nach diesen Abstimmungen keine Gewinner oder Verlierer. Denn Gegner wie Befürworter der jetzt gefundenen Regelung waren sich stets in einem Punkt einig: Gemeinsames Ziel musste es sein, die Anzahl der Organspenden in Deutschland deutlich zu erhöhen.

Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Die aktuellen Daten sind eher ernüchternd. 2018 standen in Deutschland 9.400 Menschen auf einer Warteliste für ein lebensrettendes Organ; 890 von ihnen warteten jedoch vergeblich und mussten sterben.

Der psychische Druck bei Betroffenen und Angehörigen ist kaum vorstellbar. Die körperliche Pein, den Tod vor Augen - und nichts als Warten, Hoffen, Bangen.

Hinzu kommt die Gewissheit, dass gemessen an dem Bedarf viel zu wenige Menschen bereit sind, mit ihren Organen anderen ein Weiterleben zu ermöglichen.

Im internationalen Vergleich steht Deutschland nicht gut da. Das hat zu tun mit einem Manipulationsskandal, der seinerzeit die Spendenbereitschaft massiv einbrechen ließ. Aber auch mit einem weit verbreiteten verkrampften Umgang mit dem Tod und einem möglicherweise zu emotionalen Verhältnis zum eigenen Körper.

Schon warnen Mediziner davor, dass hierzulande aufgrund überschaubarer Transplantationszahlen chirurgisches Fachwissen verloren gehen könnte.

In Deutschland hat sich bisher keine Kultur des Organspendens entwickelt. Die kann niemand erzwingen. Doch wäre es schön, wenn unsere Gesellschaft sich stärker damit auseinandersetzen würde, in den Familien oder auch in den Schulen.

Die Spende von Organen ist die wohl intimste Form des Dienstes am Nächsten. Und damit ein wunderbarer Ausdruck von Mitmenschlichkeit.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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