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FRAUEN
Susanne Kreutzmann
Bis ins Feminat

Torsten Körner hat den Parlamentarierinnen der Bonner Republik ein Denkmal gesetzt

Bundeskanzler Konrad Adenauer konnte mit Frauen in der Politik nichts anfangen und wollte sie schon gar nicht in seiner Regierung haben. "Was sollen wir mit einer Frau im Kabinett? Dann können wir nicht mehr so offen reden", ließ er Journalisten wissen. Dass der "Alte" nachgeben musste, ist der Hartnäckigkeit der Politikerinnen der Bonner Republik zu verdanken. Erst 1961, also im vierten Kabinett Adenauer, wurde als erste Ministerin Elisabeth Schwarzhaupt vereidigt. Vorangegangen war ein Sitzstreik der CDU-Parlamentarierinnen vor dem Kabinettssaal.

Die promovierte Juristin Schwarzhaupt bekommt nicht etwa das Justizministerium, auch das Familienministerium wird den Frauen verweigert. Es wird eigens für Schwarzhaupt das Gesundheitsministerium geschaffen, eine damals bedeutungslose Verlegenheitsbehörde, wie der "Spiegel" schreibt.

Torsten Körner erzählt in seinem Buch "Männerrepublik - Wie Frauen die Politik eroberten" die Zeit der Bonner Republik aus weiblicher Sicht. Viele dieser Frauen waren ihrer Zeit voraus und mussten sich nicht nur gegen männliche Machtzirkel, Alltags-Sexismus und politische Ausgrenzung zur Wehr setzen. "Es gibt eine ganze Reihe von Frauen dieser Generation, die man wiederentdecken sollte", sagt Körner. "Wenn ich die Reden von Elisabeth Schwarzhaupt als erste Ministerin lese, wie sie argumentiert und wie sie mit so viel intellektueller Kraft spricht, dann ist das wirklich sehr einnehmend." Das gleiche gelte für Marie-Elisabeth Lüders oder Jeanette Wolff, die sich im Parlament behauptete, in dem viele alte Nazis saßen, obwohl fast ihre gesamte Familie in deutschen Konzentrationslagern umgebracht wurde. Auch Liselotte Funcke (FDP), Annemarie Renger (SPD) und Louise Schroeder (SPD) gehören zu den beeindruckenden Wegbereiterinnen für Frauenrechte.

Körner hat für sein 361 Seiten starkes Buch in Ton- und TV-Archiven recherchiert, sich zahlreiche Bundestagsreden angehört. Er traf aber auch ehemalige Parlamentarierinnen wie die damals 95-jährige Marie-Elisabeth Klee, die von 1961 bis 1972 für die CDU im Bundestag saß. Er wollte, so beschreibt es Körner, den Politikerinnen, die viel schneller als ihre männlichen Kollegen in der politischen Versenkung verschwanden, zunächst einmal Stimme, Namen und Gehör geben. Aber sie seien auch Vorbild, weil sie sich trotz größter Hindernisse und Entbehrungen auf den demokratischen Weg gemacht hätten.

Erschreckt hat Körner bei seinen Recherchen der allgegenwärtige Sexismus in der Politik, nicht versteckt, sondern offen zur Schau gestellt. "Ich habe das Ausmaß an Sexismus im Parlament und um den Bundestag herum nicht so vermutet", sagt er. Es wird gepöbelt und gestört, wenn Frauen ans Rednerpult treten. Sie werden mit offener Missachtung gestraft, wie ein Ausspruch des CSU-Mitbegründers Michael Horlacher aus dem Jahr 1950 zeigt: "Als Einzelne wirkt die Frau wie eine Blume im Parlament, in der Masse wie Unkraut."

Bothmers Hosenanzug Die SPD-Politikerin Lenelotte von Bothmer engagierte sich im Bundestag für Friedenspolitik und gegen das Apartheidsystem in Südafrika. Doch nicht ihre fachliche Kompetenz blieb in medialer Erinnerung. Bothmer akzeptierte den Auftrag weiterer Parlamentarierinnen, um mit den überkommenden Kleidungsvorschriften zu brechen. Am 14. Oktober 1970 wagte sie die Revolution und trat mit Hosenanzug ans Rednerpult - zahlreiche Zwischenrufe im Parlament und eine Flut von Beschimpfungen in Briefen von wütenden Bürgern folgten.

Eine noch viel größere Revolution war der Einzug der Grünen 1983 in den Bundestag. Mit ihnen kam erstmals eine ganze Riege von unangepassten selbstbewussten Frauen. 9,8 Prozent der Abgeordneten des Bundestags waren damals weiblich. Doch auch innerhalb der Grünen formierten sich schnell Männerblöcke um die politischen Stars Joschka Fischer und Otto Schily. Die Grünen-Frauen reagierten mit dem sogenannten Feminat, dem ersten rein weiblichen Fraktionsvorstand. Das war nicht nur nach innen eine Provokation, sondern ein kluger Schachzug, weil bislang weniger bekannte Politikerinnen wie Antje Vollmer, Christa Nickels oder Waltraud Schoppe so in der ersten Reihe mitspielten. Nickels erinnert sich, dass sie vor allem von den wertkonservativen CSU-Frauen für das Feminat beglückwünscht wurde. Auch Hildegard Hamm-Brücher (FDP) zeigte sich hocherfreut: "Eine tolle Sache, damit kann ich mich nur solidarisieren." Ingrid Matthäus-Maier (SPD) habe von einem heilsamen Schock für die Patriarchen in den anderen Parteien gesprochen, schreibt Körner. Doch es gab auch viel Kritik - selbst vom linken SPD-Flügel.

Petra Kelly Doch die größte Provokation war für das "Männerparlament", wie Körner es nennt, der Einzug der Grünen-Friedensaktivistin Petra Kelly in den Bundestag. Denn niemand hatte zuvor Zorn, Verletzbarkeit und Emotionalität so zur Schau gestellt wie Kelly. Viel Platz widmet Körner dieser charismatischen und vom politischen Lager als "hysterisch" geschmähten Politikerin.

Weiteren starken Frauen wie Rita Süssmuth, die von Helmut Kohl als erst neunte Ministerin in 36 Jahren Bundesrepublik ins Kabinett berufen wurde, und Hannelore Kohl, die sich mit preußischer Disziplin ihrem Mann unterwarf und scheiterte, widmet Körner weitere Kapitel. Zum Abschluss seiner Chronik der Gleichberechtigung diskutiert er die Frage, ob Angela Merkel nun eine Frauenpolitikerin - wenn auch ungewollt - ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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