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Parlamentarisches Profil
Peter Stützle
Der Waldschützer: Rüdiger Kruse

R üdiger Kruse leidet derzeit doppelt. Zum einen an der Führungskrise seiner CDU. Zum anderen, weil sein Hamburger Landesverband sich am Sonntag den Wählern stellen muss in einer Bürgerschaftswahl, die dominiert ist vom Duell zwischen SPD und Grünen und bei der die Christdemokraten ohnehin keinen leichten Stand hatten. Aber was kann Kruse dazu anderes sagen als: "Wir machen Wahlkampf, wir haben ein sehr gutes Angebot für Hamburg, und nach der Wahl werden wir sehen, ob und mit wem wir dieses umsetzen können"?

Der 1961 geborene Hamburger war zu einer hoch politisierten Zeit auf dem Gymnasium. "Es gab zum Beispiel die RAF, es gab große Auseinandersetzungen um die Atomkraft, immer auch vor einem Ost-West-Hintergrund", erinnert sich Kruse. "Wenn man allgemein interessiert war, war man schnell auch politisiert." Im jeweils frühestmöglichen Alter schloss er sich mit 14 der Jungen Union und mit 16 der CDU an. Berufspolitiker wollte er aber nicht werden, sondern Arzt. Doch dann fuhr er beim zweiten Staatsexamen "das Studium gegen die Wand", eine "Disruption", die Kruse heute als Glücksfall sieht. Denn er machte "mein Hobby, also mein ehrenamtliches Engagement im Umweltschutz, zu meinem Beruf" und ist Geschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald.

Viele in seiner Partei hätten das damals skeptisch gesehen und gefragt, ob er nicht "ein verkappter Grüner" sei, erzählt Kruse. Aber die Grünen seien für ihn nie eine Alternative gewesen. Das Wertesystem der Union, ausgehend vom christlichen Menschenbild, wonach "jeder Mensch von Gott gewollt und aus eigenem Recht da ist ", entspreche seinem Freiheitsgedanken. "Ich möchte nicht eine Gesellschaft haben, wo, auch wenn es gut gemeint ist, zentral vorgedacht wird, wie wir am besten alle leben sollen."

2001 ging Kruse dann doch in die Politik. Es war die Bürgerschaftswahl, nach der Ole von Beust (CDU) eine Koalition mit der rechts stehenden Schill-Partei bildete und Hamburger Bürgermeister wurde. Ein Schritt, der bundesweit und darüber hinaus Entrüstung und Beschimpfungen bis hin zu Nazi-Vergleichen zur Folge hatte, den Kruse aber nach wie vor für richtig hält. Die Koalition sei die einzige Chance gewesen, "in einer Stadt etwas nennenswert zu verändern, die seit Jahrzehnten von Sozialdemokraten regiert wurde". Und Schill sei "mitnichten ein Nazi" gewesen, sondern ein Chaot und ein Populist. "Populismus kommt von populär. Wir haben eigentlich alle die Aufgabe, dass wir unsere Themen populär machen, damit wir gewählt werden", verteidigt Kruse den verpönten Begriff. Entscheidend sei, dass Beust bei der nächsten Wahl die absolute Mehrheit geholt habe, "und das hat der Stadt sehr gut getan".

Mit der heutigen Situation in Thüringen sei die damalige Lage nicht vergleichbar, betont Kruse. "Weder, dass wir es mit einer Partei zu tun hatten, die aus Neonazis bestand, noch, dass es nicht möglich gewesen wäre, eine andere Mehrheit zu bilden." Damals hätte die CDU auch die SPD in einer Regierungsbildung unterstützen können. In Thüringen dagegen ist eine Mehrheit nur mit der Linkspartei oder der AfD rechnerisch möglich - und beide seien keine Koalitionspartner für die Union. "Die Grenze zur AfD ist immer klar gewesen. Genauso, wie wir aus inhaltlichen und historischen Gründen die Grenze zur Linkspartei haben."

2009 wechselte Rüdiger Kruse von der Hamburgischen Bürgerschaft in den Deutschen Bundestag. Dort ist er heute Beauftragter der CDU/CSU-Fraktion für maritime Wirtschaft und gehört dem Haushalts- und dem Umweltausschuss an. Der Rücktritt seiner Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat ihn so kalt erwischt wie wohl jeden. Es sei klar gewesen, dass die Trennung von Kanzlerschaft und Parteivorsitz schwierig ist. Aber: "Wenn man eine Entscheidung getroffen hat, sollten sich alle in einer Partei dahinter versammeln. Das ist nicht geschehen." Jetzt müsse die Union die Nachfolge "in einem vernünftigen Prozess" organisieren. "Man weiß natürlich immer, das hat unser Koalitionspartner ja vorgemacht, man kann sich dabei massiv beschädigen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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