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JIDDISCH
Susanne Kailitz
Sprache ohne Land

Heute schon geschmust oder Tacheles gesprochen? Kein Problem. Aber beim Mauscheln und Schachern ist Vorsicht geboten. Diese Begriffe haben im Deutschen einen Bedeutungswandel ins Negative erfahren

Di klejder in welche du hosst gesen mich - sej wern kejnmol nischt alt, mit ale kolirn fun regnbojgn blien sej in majn schank." So beginnt ein Gedicht von Rajzel Zychlinski, eine der bekanntesten jüdischen Lyrikerinnen. Zychlinkski hat einen Großteil ihres Werks auf Jiddisch verfasst. Und auch wenn in Deutschland die wenigsten Menschen diese Sprache sprechen, verstehen sie sie in der Regel meist intuitiv. Und sie nutzen sie - in aller Regel weit häufiger, als ihnen bewusst ist. Denn Jiddisch und Deutsch sind eng miteinander verwandt. Und ein Spiegel der langen, oft schwierigen Beziehungen zwischen Christen und Juden.

Die Sprache entstand in Mitteleuropa auf der Grundlage des mittelalterlichen Deutschs und wurde ab dem 11. Jahrhundert als Alltagssprache der aschkenasischen - also aus Mittel, Nord- und Osteuropa stammenden - Juden im deutschsprachigen Raum genutzt. Während Hebräisch den lesekundigen Männern und religiösen Zusammenkünften vorbehalten war, erzählte man sich auf Jiddisch in den Familien die Geschichten aus der Tora. In diesem "Sozialdialekt" mischten sich Ausdrücke aus dem Hebräischen und Deutschen mit romanischen Sprachresten. Weil Juden Anfang des 13. Jahrhunderts in Deutschland nur in Ghettos leben durften und Jiddisch mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird, wurde die Sprache von Christen in der Regel weder genutzt noch verstanden.

Es waren vor allem Fluchtbewegungen, die die Sprache in Veränderung hielten: Nach den Beschlüssen des Vierten Laterankonzils von 1215, das jüdischen Menschen unter anderem Kleidung mit bestimmten Kennzeichen vorschrieb, begann eine Reihe von Angriffen und Vertreibungen. Nachdem Kaiser Friedrich II. 1236 Juden zu "Kammerknechten", also Leibeigenen, erklärte, flüchteten viele von ihnen nach Osteuropa - wo es starke slawische Einflüsse auf die Sprache gab und sie ab dem 19. Jahrhundert zu einer Kultursprache ausgebaut wurde, während Juden in deutschsprachigen Ländern zunehmend darauf verzichteten, um sich weniger von der übrigen Bevölkerung zu unterscheiden. Weil ab dem späten 19. Jahrhundert viele Juden aus Osteuropa emigrierten, kehrte die jiddische Sprache nach Westeuropa zurück und verbreitete sich bis nach Nord-, Mittel und Südamerika, Afrika und Asien.

Der Holocaust führte zu einem dramatischen Bruch: Hatten Schätzungen zufolge 1939 weltweit noch elf bis 13 Millionen Menschen Jiddisch gesprochen, werden heute noch etwa 1,2 Millionen gezählt. Ist heute vom Jiddischen die Rede, wird damit meist die Dialektgruppe des Ostjiddischen gemeint, das als die moderne Version der Sprache gilt.

Alltagssprache Auf der Website der Jiddistik der Universität Trier - einer von nur zwei deutschen Hochschulen, an denen es Lehrstühle für Jiddisch gibt - heißt es, Jiddisch sei "eine Sprache ohne Land, die überall auf der Welt gesprochen wird". Als Alltagssprache wird sie in einigen ultraorthodoxen Gemeinden vor allem in Jerusalem und New York genutzt - und gelegentlich als Tradition von säkularen Sprechern fortgeführt. In Israel gibt es heute wieder jiddischsprachige Theateraufführungen; die Sprache erlebt als Teil der jüdischen Kultur eine Renaissance.

Vom Deutschen unterscheidet sich Jiddisch vor allem in Grammatik und Aussprache - wenn Deutsche sie hören, können sie sie recht gut verstehen, das Lesen ist aufgrund der hebräischen Buchstaben für die allermeisten ein Ding der Unmöglichkeit.

Und doch ist Jiddisch in unserem Sprachgebrauch allgegenwärtig: Die jiddische Sprache hat mehr als nur kleine Spuren im deutschen Wortschatz hinterlassen, sie ist im Grunde kaum wegzudenken. Beispiele gefällig? Von Abzocke (von "zschocken" für spielen), Chuzpe (von "chuzpo" für Unverschämtheit) und dufte (von "toffte" für taff) und Ische (vom gleichlautenden jiddischen Wort für Frau) bis zu Knast (von "knas" für gerichtliche Strafe), Maloche (von "melochnen" für arbeiten), Rochus (von "roges" für Zorn), Stuss (von "schtus" für Unsinn) und verkohlen (von "kol" für Gerücht): Die deutsche Sprache ist voller jiddischer Worte.

Umgekehrt wimmelt auch das moderne Hebräisch von deutschen Ausdrücken - am Auto etwa entfernt der "Wischer" den Regen und der "Winker" signalisiert einen Abbiegewunsch. Auf dem Bau benutzen Arbeiter "Beton", "Gummi" und "Dibel", Elektriker sprechen vom "Kurzschluss" und Automechaniker von "Kupplung" und "Kugellager". Die Sprachen haben sich also gegenseitig stark beeinflusst und wurden quasi quer über den Erdball mitgenommen und erweitert.

Jiddische Begriffe wurden in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen ins Deutsche aufgenommen. Der Sprachwissenschaftler Hans Peter Althaus, der als einer der wichtigsten Experten für den jiddischen Wortschatz im Deutschen gilt, hat sie in seinem "Kleinen Lexikon deutscher Wörter jiddischer Herkunft" beschrieben. So habe es nach der Öffnung der Ghetto-Tore im Mittelalter einen starken, auch sprachlichen Austausch zwischen Juden und Christen gegeben. In Bereichen des Handels sei im 19. Jahrhundert ein noch stark jiddisch geprägtes Deutsch gesprochen worden. Christen seien deshalb gezwungen gewesen, "diese Fachsprache zu erlernen, wenn sie erfolgreich am Handelsleben teilnehmen wollten". Besonders stark sei dies bei Metzgern und Viehhändlern der Fall gewesen. Die jiddischen Ausdrücke seien in unterschiedlichen Gesellschaftskreisen genutzt worden: Stark etwa innerhalb der Familien und von dort verbreitet über das Dienstpersonal, auf dem Land durch jüdische Wanderhändler und in Redaktionen und auf Bühnen durch Journalisten und Künstler.

Mittel der Agitation Weil jüdisches Leben etwa in Berlin besonders ausgeprägt war, sind viele jiddische Wörter - etwa Ausdrücke wie "daffke" oder "dufte" - in den Stadtdialekt eingegangen und dort lebendig geblieben. Doch anzunehmen, beide Sprache seien gewissermaßen auf Augenhöhe verwendet worden, wäre ein Trugschluss. Schon im frühen 19. Jahrhundert wurden die jiddischen Ausdrücke häufig spöttisch und polemisch genutzt - auf "jüdische Bürger, denen man Gleichberechtigung und sozialen Aufstieg neidete", so Althaus. Mit dem Anwachsen des Antisemitismus in Deutschland wurden sie mehr und mehr zur Agitation gegen Juden eingesetzt: Sprache als Spiegel des Zeitgeistes.

Das allerdings ist vielen, die heute jiddische Ausdrücke ganz selbstverständlich nutzen, nicht bewusst. Eine Diskussion darüber hat der Journalist Ronen Steinke gerade erst mit seinem jüngsten Buch über offen und verdeckt judenfeindliche Wörter und Redewendungen angestoßen.

In dem Band "Antisemitismus in der Sprache" weist Steinke darauf hin, dass viele der Worte eingedeutscht einen Bedeutungswandel ins Negative erfahren haben. Das Wort "schachern" etwa: "Gemeint ist übles, feilschendes Geschäftemachen. Es kommt vom Jiddischen sachern. Sachern bedeutet im Jiddischen ganz einfach Handel treiben, ohne jeden abwertenden Unterton. Abwertend wird es erst im deutschen Gebrauch als Lehnwort. Nicht der lexikalische Inhalt, sondern allein die jiddische Herkunft sorgt für eine negative Deutung dieses ansonsten wertneutralen Wortes. Die deutsche Sprache macht daraus 'handeln wie ein Jude'." Auch das Wort "Mischpoche" bezeichne im Jiddischen einfach nur die Familie und werde wertneutral gebraucht. Das deutsche Mischpoke aber habe "etwas Sinistres, Dubioses", gemeint werde entweder ein korrupter Zusammenhang oder "irgendwie eine dunkle Seilschaft". Und der Ausdruck "Mauschelei" werde verwendet, um Korruption oder unlautere Absprachen zu beschreiben - das ursprüngliche Wort aber gehe auf den Vornamen Moses - eingedeutscht Mauschel - zurück. Mauscheln solle so also ausdrücken, dass jemand wie ein Jude rede, in negativer Weise. So werde letztlich ein antisemitisches Klischee aufgegriffen und weiterverbreitet.

Es gebe sie, "die Wörter aus dem Jiddischen, die wegen ihres Charmes in den deutschen Wortschatz übernommen worden sind", sagt Steinke: "Meschugge" etwa oder "schmusen" oder "Tacheles". Für jene mit negativer Konnotation wünscht er sich mehr Sensibilität und die Bereitschaft, darauf zu verzichten, wenn man ihre Herkunft kennt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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