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Franz Ludwig Averdunk
Immer noch auf der Suche

In einer Sondersitzung geht es noch einmal um die Frage der Spurensicherung

Bundesanwalt Horst-Rüdiger Salzmann schlüpfte in die Rolle des Berliner Kammergerichts. Er spielte durch, dass der Tunesier Anis Amri bei seiner Flucht nach dem Weihnachtsmarktanschlag auf dem Berliner Breitscheid Platz im Dezember 2016 nicht in Italien ums Leben gekommen sei, sondern nach Deutschland ausgeliefert worden wäre. Salzmann gab sich felsenfest davon überzeugt, dass das Gericht die Anklage zugelassen und ihn verurteilt hätte, und zwar auch für die Erschießung des polnischen Fahrers, dessen Sattelschlepper Amri für das Attentat kaperte.

Salzmann tat dies in der vergangenen Woche im 1. Untersuchungsausschuss des Bundestags ("Breitscheidplatz") umso nachdrücklicher, als ein Spannungsbogen den Sitzungsverlauf immer wieder knistern ließ.

Auf der einen Seite zwei Experten, die von verblüffend wenig Spuren im und am Tat-Lkw berichteten. Der Ausschuss hatte bei Cornelius Courts, einem forensischen Genetiker am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, und beim Daktyloskopie-Experten Ulrich Gerstel vom Kieler Landeskriminalamt Gutachten bestellt, die sie nun erläuterten. Dass Amri allein der Täter war, erschien manchem Abgeordneten noch keineswegs eindeutig bewiesen.

Auf der anderen Seite der Berliner Kriminalistik-Professor Christian Friedrich Metzdorf, der ebenso wie Salzmann die nötige "Gesamtschau" auf alle Ermittlungsergebnisse beschwor. Er kam zu dem Befund, dass Amri für Anschlag und Ermordung allein verantwortlich sei. Dies lege die Gesamtwürdigung der Spuren nahe - ob Auswertung von Kommunikationsdaten oder Videoschnipseln, ob Zeugenaussagen. Er sehe keinerlei Hinweise darauf, dass die Ermittlungen einseitig oder falsch durchgeführt worden seien oder dass es dabei fachliche Mängel gegeben habe. Die Schilderung des Tatablaufs durch das Bundeskriminalamt (BKA) sei schlüssig. Aber vorsichtshalber fügte er dann doch an, alternative Szenarien seien seriös nicht auszuschließen.

Weitere DNA im Lkw Courts setzte die Akzente genau anders: Wohl sei das Spurenbild vereinbar mit der BKA-Darstellung. Aber es seien auch andere Interpretationen möglich. Da kam ins Spiel, dass er per DNA-Fund eine weitere Person in der Fahrerkabine ausgemacht habe. Er nennt sie "UP2". In diesem Zusammenhang werde weiter ermittelt, versicherte Salzmann. Die Suche nach ihr sei noch nicht beendet. Doch viel Hoffnung auf Erfolg machte er nicht. Womöglich müsse man damit leben, dass UP2 auf Dauer unbekannt bleibt. Denkbar sei, dass die DNA-Spur irgendwann bei einem Besuch von Fernfahrer zu Fernfahrer gelegt worden sei, wie dies nicht unüblich sei.

Nicht nur zum Abgleich mit UP2 sei es absolut möglich und sinnvoll, auch im Nachhinein noch DNA-Proben von Ersthelfern zu nehmen - und auch von den Personen in Polen, die außer dem in Berlin erschossenen Fahrer berechtigt waren, den später beim Anschlag verwendeten Lkw zu steuern. Dieser Hinweis war ganz im Sinne Salzmanns: Dies sei bereits eben in Polen und bei 34 Rettungs- und Bergungskräften gemacht worden.

Blieb die Frage, warum von Amri und UP2 so erstaunlich wenige DNA-Spuren und Fingerabdrücke gefunden wurden. Die Experten lenkten den Blick auf die ersten Maßnahmen am Ort des blutigen Geschehens. So hätten Ersthelfer den polnischen Fahrer des Lkw aus der Fahrerkabine bergen müssen - zunächst nicht wissend, dass er bereits tot war. Dabei seien gewiss zahlreiche Spuren etwa durch die Spezialkleidung abgewischt worden.

An Zündschlüssel, Schalthebel oder Handbremse hätten keine Fingerabdrücke, also auch nicht Amris, gesichert werden können, berichtete Gerstel. Das sei nicht ungewöhnlich, auch wenn der Tunesier der Fahrer war, meinte er. Erst recht sei nicht erstaunlich, dass am Lenkrad keine Spuren gefunden wurden. Die Autobauer verwendeten heute oft Materialien und Beschichtungen, die für die Daktyloskopie suboptimal seien, wie er es ausdrückte.

Zuerst die Gefahrenabwehr Die Sicherung und Konservierung von Spuren stehe bei solchen Großeinsatzlagen ohnehin nicht an erster Stelle, wie es etwa nach einem Kellereinbruch der Fall sei. Das unterstrich die Berliner Einsatz-Expertin Sandra Schmidt. So wisse man ja erst im Nachhinein, ob es Tote und Verletzte gebe und wo sie gegebenenfalls zu finden seien. Eine Frage vor Ort könne auch sein, ob es eventuell Sprengfallen gebe. Es sei unausweichlich, dass bei der Erstintervention ein Tatort verändert werde. Die Gefahrenabwehr habe in jedem Fall Priorität, befand die Professorin.

Eine spezielle Fragestellung bezog sich auf die Waffe, durch die der polnische Lkw-Fahrer den Tod fand. Amri hatte bei seiner Flucht in Italien auf zwei Polizisten geschossen, bevor er selbst tödlich getroffen wurde. Ob er dabei die Berliner Tatwaffe benutzte, sei nicht hinreichend untersucht worden, monierte Courts. So seien DNA-Spuren insbesondere im Lauf, die Hinweise auf das Opfer geben könnten, nicht gesichert worden. Salzmann erklärte, die Pistole sei in Italien asserviert und werde jetzt nach Deutschland geholt, um alle Zweifel auszuräumen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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