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Gastkommentare - Contra
Uwe Lueb
Privileg ohne Grund

Lockerungen für Geimpfte?

W enn ich schon geimpft wäre, würde ich mich auch über Erleichterungen freuen, natürlich! Es wäre ein herrliches Privileg, nur kurz den Impfpass zu zücken und ohne jede Testprozedur einfach einkaufen oder bald mal wieder essen gehen zu können, vielleicht sogar reisen, ohne danach tagelang in Quarantäne schmoren zu müssen. Aber genau das ist der Punkt: Es wäre ein Privileg - eines, das man sich nicht verdient hat, sondern das einem mehr oder weniger zufällig zuteil wird. Die kraft Alters geimpfte kerngesunde 71-Jährige wäre dem noch nicht geimpften vorerkrankten 59-Jährigen gegenüber unbegründet im Vorteil. Womöglich wartet der Eine sogar sehnlichst auf die Impfung und die Andere hat sie ohne echte innere Überzeugung einfach nur über sich ergehen lassen.

Die Pandemie verlangt uns allen viel ab. Wir müssen kollektiv ertragen, was wir bislang nur in Geschichtsbüchern verortet glaubten. Es ist eine gemeinsame Anstrengung. Bisher sind wir diesen Weg als Gesellschaft zusammen gegangen. Dabei muss es bleiben. Eine Unterteilung in bevorzugte Geimpfte und nicht bevorzugte Ungeimpfte ist Gift für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Erst wenn alle, die es wollen, geimpft sind, können wir darüber nachdenken, ob sich daraus Vorteile ableiten. Es ist wie beim Autofahren: Wer das möchte, braucht einen Führerschein. Aber jede und jeder Erwachsene kann ihn machen. Letztlich hat das zu tun mit Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Erreicht haben wir vor allem Letztgenannte noch lange nicht. Daher ist es umso wichtiger, nicht jetzt weitere Ungleichheiten zu schaffen. Für unbegründete Privilegien ist kein Platz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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