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Aufgekehrt
Claudia Heine
Sperrmüll verbindet

Endlich! Was auf dem Land üblich ist, gab es in der vergangenen Woche auch in Berlin: eine groß angelegte Sperrmüllaktion der Berliner Stadtreinigung im Auftrag des Bezirks Pankow. Kann es sein, dass unsere Straße berühmt-berüchtigt ist für ihre den Bürgersteig verzierenden fleckigen Matratzen, durchgesessenen Sofas und Computer-Bildschirme von 1993?! Jedenfalls wollte der Bezirk der Vermüllung der Straßen wohl den Kampf ansagen und so stand das heiß ersehnte orangefarbene BSR-Müllfahrzeug quasi direkt vor unserer Haustür. Es ist doch beruhigend zu wissen, dass in der Stadt offenbar auch noch andere Dinge funktionieren außer Impfzentren. Diese begründen ja gerade so eine Art neues, sinnstiftendes Gemeinschaftserlebnis sich eigentlich fremder und durch Corona oft entfremdeter Menschen. Auf der Straße herrschte jedenfalls am Morgen der Müllsammel-Aktion ein geschäftiges Treiben. Schwer schleppende und sich dabei freundlich grüßende Nachbarn zogen aus der ganzen Straße herbei, um ihren Kram loszuwerden. Wie viele Röhren-Fernseher noch in den Kellern vor sich hin dämmern! Sofas im 80er-Jahre-Style und Stereo-Anlagen-Türme mit Doppelkassettendeck. Es waren offenbar eher die Ur-Einwohner, die hier entrümpelten.

Aber nicht alles landete im Müll: Vor dem BSR-Wagen entwickelte sich ein lebhafter Tauschrausch. Ein uralt-Damenrad ließ den Buchhändler strahlen, Nachbarn trafen sich zum längeren Plausch - eine Stimmung wie auf einem Kiezfest. Fehlte nur noch das Bier. Wie schön, dass man nicht zum Impfzentrum fahren muss für ein Gemeinschaftserlebnis unter Fremden. Dem Müll sei dank!

Aus Politik und Zeitgeschichte

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