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Gastkommentare - Contra
Karin Janker
Leben wird ärmer

Pränatale Bluttests als routinebehandlung?

U nsere Gesellschaft steht vor einem Umbruch: Binnen kurzer Zeit dürfte ein harmloser Bluttest, der unter anderem das Risiko für das Down-Syndrom ermittelt, zu einer Standardleistung für Schwangere werden. Der Test stellt werdende Mütter vor die Entscheidung zwischen ihrem Recht auf Wissen - und dem Recht auf Nichtwissen, das einzufordern immer schwieriger wird in einer Zeit, die von Optimierung, Eigenverantwortlichkeit und Berechenbarkeit geprägt ist.

Schwangere Frauen sollen heute eine selbstbestimmte, freie und informierte Entscheidung über den Embryo in ihrer Gebärmutter treffen können, am besten direkt nach dem positiven Schwangerschaftstest. "Mein Bauch gehört mir", dieses Motto der Emanzipation gilt immer noch, aber es impliziert inzwischen eine Aufforderung: "Dein Bauch gehört dir - also verwalte ihn und seine Risiken sorgsam!" Die Medizin liefert der Frau Zahlen und stellt Tests bereit, die Ärztin beschafft das statistische Material - aber einen Umgang damit muss die Schwangere selbst finden. Es ist eine Form der Ermächtigung, ja. Aber auch eine Überforderung.

Dabei gehörte die Ungewissheit einst zum Zustand "guter Hoffnung". Doch diese Ungewissheit nicht nur auszuhalten, sondern sie angesichts des immer breiteren pränataldiagnostischen Angebots vielmehr einfordern zu müssen, wird für werdende Eltern zunehmend zur Herausforderung. Immer mehr Schwangere werden so zu einer Entscheidung gelangen, die etwa am Beispiel Dänemark bereits ablesbar ist: Dort machen 97 Prozent der Schwangeren den angebotenen Bluttest auf Trisomien. Zeigt er ein hohes Risiko für ein Kind mit Down-Syndrom, so entscheiden sich 95 Prozent für eine Abtreibung. Das Leben wird risikoärmer, vor allem aber ärmer.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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