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Annette Beutler
Offen für Wundertüten

Die Inklusion stockt - was Schulen brauchen, damit das gemeinsame Lernen gelingt

Dienstagvormittag, zweite Stunde an der Integrierten Gesamtschule (IGS) List in Hannover. Mathe in der 5f. "Achsensymmetrie" ist das Thema. 25 Kinder arbeiten an Gruppentischen. Ein paar zeichnen mit dem Zirkel gemeinsam Kreise, einige rechnen Aufgaben, ein paar machen nichts und quatschen. Eine Lehrerin und ein Lehrer gehen von Tisch zu Tisch, dorthin, wo sie gerufen werden. Soweit, so normal. Läuft, würden die Fünftklässler sagen. Frage: Wer sind die fünf Inklusionsschüler mit Förderbedarf?

Auf den zweiten Blick sind die Besonderheiten zu erkennen. Ein Mädchen führt den Zirkel mit spastisch verkrümmter Hand. Bei ein paar Jungs und Mädchen sehen die Arbeitsblätter anders aus, sie sind übersichtlicher gestaltet und haben einfachere Aufgaben. Gegen Ende der Stunde wird es unruhig. Zwei Jungs sollen an einem Stehtisch arbeiten. Einer von ihnen stößt zwischendurch seinen Kopf gegen die Tafel.

Autismus, Lernbehinderung und Körperbehinderung sind die Besonderheiten in dieser Klasse. "Das funktioniert nur gut, wenn zwei Lehrer im Unterricht sind", sagt Mathe-Lehrer Dirk Tönnies. "Der tägliche Spagat ist riesig." Er muss seinen Unterricht nicht nur auf die Behinderungen abstimmen, sondern auch auf die unterschiedlichen Lernniveaus von Hauptschule bis Gymnasium - die IGS ist eine Gesamtschule. "Aber es geht natürlich. Dabei lerne ich von der Förderlehrerin und sie von mir Mathe", sagt Tönnies.

Respekt "Wie geht 'warme Dusche'?" steht auf einem Plakat an der Wand und liefert dutzende Beispielsätze mit: Du bist humorvoll, du kannst toll zeichnen, du hörst gut zu und so weiter. Der respektvolle Umgang ist allgegenwärtiger Teil des Lehrplans. Zum Schulstart in der fünften Klasse bekommen alle Kinder ein Sozialtraining per Coach. "Inklusion muss früh angebahnt werden, damit es selbstverständlich wird", erklärt Gertrud Schapöhler, die Fachbereichsleiterin Inklusion an der Schule.

Etwa sieben bis neun Prozent der Schüler haben einen Förderbedarf. Aber es gibt in jedem neuen Jahrgang viele "Wundertüten", so nennen die Pädagogen die Schüler ohne festgestellte Diagnose aber Bedarf an extra Unterstützung. Drei feste Fachpädagoginnen für Lernbehinderung gehören zum IGS-List-Schulteam, dazu kommt eine weitere für geistige Entwicklung, die von der Förderschule abgeordnet ist. Es sollen seit langem vier feste Förderlehrer sein, das wurde ihnen vom Land zugesagt. Sie ziehen genervt die Augenbrauen hoch, wenn das Thema darauf kommt.

Das Angebot beeindruckt. Es gibt Extra- räume, um in kleinen Teams zu lernen und eine "soziale Gruppe", in der Konflikte gemeinsam besprochen werden. Es gibt Hühner und einen Garten. Lehrerteams werden nach Bedarf umgestellt, wenn es für die Schüler nötig ist und Wände werden auch mal versetzt, damit es passt. Die IGS List wurde 2018 mit dem zweiten Platz des Deutschen Schulpreises ausgezeichnet.

Ausnahme Auch zwölf Jahre nach Unterzeichnung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Deutschland ist inklusiver Unterricht wie an der IGS List die Ausnahme, nicht die Regel. Eine Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung und der Deutschen Schulakademie zeigt, dass der Inklusionsprozess stockt. Der Anteil der inklusiv beschulten Förderschüler an allen Schülern betrug 2,7 Prozent im Jahr 2015 und 3,4 Prozent im Jahr 2019. Viele Eltern von Kindern mit Behinderung wählen für ihr Kind weiter die Förderschule.

Manche werden gleich zu Anfang abgewimmelt. Wie etwa Andrea Köring, die ihre Tochter Sophie bei der Grundschule in der Nachbarschaft im Norden Berlins anmelden wollte. Die zwei älteren Kinder der Pädagogin waren hier zur Schule gegangen. Sophie kam als Frühgeburt zur Welt und ist entwicklungsverzögert. Zu ihren Schwächen gehört, dass sie sich schlecht orientieren kann. "Die Schule ist sehr klein, das hätte Sophie gut hinbekommen", sagt Andrea Köring.

Aber der Schulleiter erklärte, die zusätzlichen Stunden für Sophies Förderbedarf würde er bei einem Lehrer-Ausfall dafür verwenden, den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten - nicht für ein einzelnes Kind. Und er hätte ohnehin nicht genügend Lehrer. Andrea Köring hat sich schweren Herzens für die Förderschule für körperliche Entwicklung entschieden. "Bereut habe ich das nicht. Die Fördermöglichkeiten sind hier einfach viel besser."

Auch dort, wo Schulen bereit für Inklusion sind, läuft es nicht immer glatt. Wie bei Nik, einem groß gewachsenen 17-Jährigen mit Basecap und offenem Blick. Er hat eine Intelligenzminderung und motorische Probleme. Mikrozephalie lautet seine Diagnose, eine angeborene Verkleinerung des Schädels. Nik besuchte sechs Jahre lang als Inklusionsschüler eine Montessori-Schule in Berlin. "Er war zwar dabei, aber er wurde nicht wirklich gefordert und gefördert", so die Erfahrung seiner Mutter Axinja Heydolph. "An seinen Entwicklungsstand angepasste Aufgaben gab es nicht."

Stattdessen merkte sie, wie seine Fähigkeiten im Rechnen und Lesen immer schlechter wurden. Als nach der sechsten Klasse der Wechsel in die weiterführende Schule anstand, gab es eine Hilfekonferenz: "Da wurde mir klar, dass die Schule keinen Plan hatte, wie sie Nik fördern konnte", sagt Heydolph. "Und auch auf die Frage, was danach beruflich passieren könnte, hatte sie keine Antwort." Trotz tollem Engagement einzelner Lehrer zog sie die Reißleine. Nach einigen Probetagen an einem Förderzentrum für Körperbehinderung wollte Nik wechseln. Dort ist er jetzt in einer Klasse für geistig Behinderte.

Druck Was gefällt ihm an seiner neuen Schule? Nik sitzt im Gartenstuhl auf der Terrasse seines Elternhauses. Die Badetasche steht bereit, er will später noch zum Schwimmen. "Alles", sagt Nik. "Ich lerne jetzt einfach mehr, mehr Mathe und mehr Deutsch." An der alten Schule, sagt er, "haben sie nicht mal gemerkt, wenn ich für die Aufgaben einen Taschenrechner benutzt habe". Hatte er dort Schulfreunde? "Die Mitschüler waren alle freundlich. Aber wenn ich mich verabreden wollte, hieß es: Ich hab doch keine Zeit." Die Mutter hat den Eindruck, dass "viel Druck von ihm abgefallen ist, seit er auf dem Förderzentrum ist".

Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, fordert, erst die Regelschulen besser für die Inklusion auszustatten, bevor Förderschulen geschlossen werden. "Mich erreichen wöchentlich Klagen der Lehrer, dass die nötigen Zusatzstunden für Inklusionsschüler einfach nicht genehmigt werden. Sie fühlen sich oft als Einzelkämpfer und fachlich total überfordert." Kleinere Lerngruppen, zusätzliche Lehrerstunden und das Zwei-Lehrer-Prinzip seien die Bedingungen, damit Inklusion gelingen kann. "Das ist eine Kostenfrage und beim derzeitigen Lehrermangel auch ein Personalproblem."

Meidinger hat jahrelang an einem Gymnasium im bayerischen Deggendorf Erfahrung mit Jugendlichen mit Hörbehinderung und mit Autismus-Spektrum-Störungen gemacht. Sein erster Schüler, der mit einer starken Hörbehinderung von einer Spezialschule auf sein Gymnasium kam, hat das Abitur gemacht. Meidinger plädiert für mehr Mut bei der Inklusion: "Es wird nicht immer gelingen, aber man sollte es viel öfter versuchen."

Zurück zur IGS List nach Hannover. Was ist der springende Punkt, damit Inklusion so selbstverständlich wird wir hier? Es gibt ein paar, sagt Fachpädagogin Gertrud Schapöhler. "Aber entscheidend ist, dass die Schulleitung komplett hinter dem Gedanken der Inklusion steht", sagt sie. "Es ist eine Frage der Offenheit. Wenn andere Schulen sagen: Bitte hier nicht, sagen wir: Ja, bitte gern."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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