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Förderschule
Annette Beutler
»Sie sagen: Bitte tun Sie das Ihrem Kind nicht an«

Ist ein Kind mehrfach behindert, wird Inklusion und Schulsuche aufreibend

Sandra Roths Tochter Lotta, 12, ist durch eine angeborene Gefäßfehlbildung im Gehirn schwer mehrfach behindert. Sie kann nicht sprechen und nicht sehen, sie sitzt im Rollstuhl und hat eine schwere Spastik. Sie kommuniziert mit Mimik und mit unterstützter Kommunikation, einem Sprachcomputer, den sie mit dem Kopf bedient. Gleichzeitig hört sie sehr gut, sie mag es, mit der Familie Filme zu schauen (per Audiodeskription), liebt es, in den Urlaub zu fahren und sie weiß genau, was sie will. Sandra Roth, Journalistin und Autorin, hat zwei Bücher über ihr Leben mit Lotta und ihre Erfahrungen geschrieben.

Frau Roth, viele Eltern von Kindern mit Behinderung sagen, die Inklusion in der Kita lief gut, die Probleme fingen mit der Einschulung an. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Ja, absolut. Sie hat eine kleine inklusive Kita besucht mit einem tollen Team, die Leiterin war Heilpädagogin, die Gruppenleiterin Sonderpädagogin. Dort wurde Inklusion wirklich gelebt. Lotta war ein Teil des Ganzen, weder die Prinzessin, die alles bestimmt, noch das arme Kind im Rollstuhl. Das lief dort so herrlich, dass ich dachte: Wieso sollte das in der Grundschule nicht auch gehen?

Wie lief die Schulsuche?

Die Ablehnung war riesig. Ich habe mir nur Grundschulen angesehen, die damit werben, inklusiv zu sein. Eine Schule hat mir beim Tag der offenen Tür sehr gut gefallen, die hatte etwa einen Aufzug und einen Ergotherapie-Raum. Im Gespräch mit der Schulleitung hieß es dann: 'Gewickelt wird hier aber nicht!' Lotta trägt Windeln. Damit waren wir raus. Das war ein schmerzhafter Moment, zwischen all den glücklichen Eltern und neugierigen, umherrennenden Kindern. Es gab an der Schule keinen Pflegeraum fürs Wickeln, doch es wird immer etwas geben, was gerade nicht funktioniert oder noch fehlt für die perfekte Inklusion. Aber wenn wir uns nicht auf den Weg machen wollen, dann wird es dieses selbstverständliche Miteinander nie geben.

Mussten Sie Inklusion einklagen?

Das Einklagen ist ein wichtiger, legitimer Weg. Wir haben das bei der Schulwahl nicht gemacht. Wohl aber mussten wir uns rechtliche Hilfe holen, um die Integrationshelferin für die Kita genehmigt zu bekommen. Das ist eine Fachkraft, die meine Tochter im Kita-Alltag bei Pflege und Förderung begleitet hat. Darauf hat man einen Rechtsanspruch. Bei der Beantragung hieß es jedoch von allen Seiten - Jugendamt, Sozialamt, Krankenkasse: Wir sind nicht zuständig. Elf Monate lang wurden wir im Kreis geschickt, bis ich eine Anwältin eingeschaltet habe, dann kam die Bewilligung.

Warum war das so schwierig?

Ein Grund war die Mehrfachbehinderung - je nach Behinderungsart ist eine andere Stelle zuständig. Wenn man wie meine Tochter so viele Behinderungen auf einmal hat - sprachlich, körperlich, kognitiv - dann will das keine Stelle übernehmen.

Wie fiel die Schul-Entscheidung?

In der Schule hätte Lotta die Integrationshelferin mitgebracht, ihre Kompetenzen hätte man auch für die Klasse nutzen können. Aber wir sind beinahe überall abgeblitzt. Einige Schulen sagten: Das können wir nicht leisten. Damit meinten sie die Mehrfach-Behinderung. Das ist ein typischer Satz. Ein anderer ist: Bitte tun Sie das Ihrem Kind nicht an. Man wird 'weg-beraten'. Eine einzige Grundschule wäre bereit gewesen, Lotta aufzunehmen. Wir haben uns dann doch für die Förderschule entschieden, weil wir gesehen haben, wie gut sie dort gefördert wird. Die Lehrer dort haben Erfahrung mit unterstützter Kommunikation, es gibt Geräte und Fachwissen. Und gleichzeitig gibt es dort viele Barrieren nicht: Bei einem Inklusionsplatz hätten wir beispielsweise die Therapiestunden mit ihr nach der Schule absolvieren müssen, an der Förderschule wird das während der Schulzeit gemacht. Das ist für sie weniger anstrengend.

War die Förderschule rückblickend denn die richtige Wahl?

Ich wollte eine Schule, die Lotta auf das Leben vorbereitet, wenn ich nicht mehr da bin. In ihrem Fall geht das am besten auf einer Förderschule und sie hatte dort eine sehr schöne Grundschulzeit. Wenn man das jedoch gesamtgesellschaftlich betrachtet, ist das ein Problem. Wir müssen als Gesellschaft aber dafür sorgen, dass inklusive Schulen das auch können. Die Förderschule ist eine schöne, kleine Welt. Ich will für meine Tochter aber die ganze Welt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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