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EDITORIAL
Claudia Heine
Blick auf den Alltag

Gemessen an ihrer Zahl (7,9 Millionen in Deutschland) müssten schwerbehinderte Menschen eine viel größere Präsenz in der Öffentlichkeit haben, um zum Beispiel auf ihre Interessen aufmerksam zu machen. 7,9 Millionen Menschen sind fast zehn Prozent der Bevölkerung, und es ist schon erstaunlich, wie diese zehn Prozent meistens im Schatten der allgemeinen Aufmerksamkeit verschwinden. Tun sie dies phasenweise einmal nicht, dann ist es meist ihr eigenes Verdienst beziehungsweise das ihrer Verbände, die auf Sichtbarkeit pochen. So war es, als der Bundestag 2016 das Bundesteilhabegesetz verabschiedet hat und der lautstarke Protest von vielen Initiativen noch einmal Verbesserungen am Gesetzentwurf erreichte. So war es auch im vergangenen Jahr, als die Corona-Lockdowns für Menschen mit Behinderungen viel gravierendere Einschränkungen bedeuteten als für viele andere Menschen, diese Tatsache zumindest zu Beginn der Pandemie aber fast unter dem Radar zu verschwinden drohte.

Dabei gibt es durchaus so etwas wie ein Rampenlicht für das Thema, im Film zum Beispiel. Die Liste der - auch kommerziell erfolgreichen - Kinofilme ist lang. Angefangen mit der Liebesgeschichte zwischen dem von Charlie Chaplin gespielten Tramp und dem blinden Blumenmädchen in "Lichter der Großstadt" von 1931. Bis hin zu dem französischen Kinohit "Ziemlich beste Freunde" von 2011, der die Freundschaft zwischen einem nach einem Unfall unter einer schweren Querschnittslähmung leidenden Pariser Unternehmer und seinem aus den Banlieues stammenden Pflegehelfer beschreibt. Am Ende des einen Films kann das Blumenmädchen wieder sehen und am Ende des anderen hat der Geschäftsmann mit Hilfe seines Pflegers wieder neuen Lebensmut gefasst.

In den meisten Filmen wird Behinderung so thematisiert: Jemand erleidet einen Schicksalsschlag und kämpft sich zurück ins Leben. Alle anderen staunen. Das ist oft großartig inszeniert und vielschichtig erzählt. Aber eben als das Besondere, nicht als das Alltägliche.

So ähnlich ist es auch in unserer Gesellschaft, die noch besser lernen muss, gesundheitliche Beeinträchtigungen als alltägliche Lebensrealität von Millionen anzuerkennen. Dazu braucht es Begegnung. Ein erster Schritt wären zum Beispiel - nicht nur auf freiwilliger Basis - barrierefreie Kneipen für das Bier nach dem Film.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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