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Gastkommentare - Contra
Stephan Hebel
Einfach unnötig

Deutsch ins Grundgesetz?

S tellen wir uns vor, im Grundgesetz stünde der Satz "Die Sprache der Bundesrepublik Deutschland ist Deutsch", was den Verein Deutsche Sprache ebenso freuen würde wie die AfD. Was wäre gewonnen? Würden deutsche Behörden oder Gerichte endlich aufhören, ihre Amtsschreiben und Urteile auf Englisch zu verfassen? Würden deutsche Diplomatinnen und Diplomaten plötzlich so tun, als verstünden sie bei Verhandlungen in englischer Sprache kein Wort?

Erste Antwort: Die Verwaltungs- und Gerichtssprache in Deutschland ist auch jetzt schon Deutsch, niemand will das ändern. Zweite Antwort: Sogar die selbsternannten Sprachpfleger, die so gern das Grundgesetz aufblähen wollen, fordern soweit bekannt nicht, im internationalen Austausch den Gebrauch von Fremdsprachen zu verbieten.

Offensichtlich geht es in Wahrheit um identitätspolitische Symbole. Der wachsenden - auch sprachlichen - Vielfalt im Land soll ein donnerndes "Hier wird gefälligst Deutsch gesprochen!" entgegengerufen werden. Das ist genauso unsinnig wie der verbissene Kampf gegen Lehn- und Fremdwörter, den dieselben Akteure mit Hingabe führen, als würden sich Sprachen nicht seit ewigen Zeiten entwickeln - auch durch Austausch mit anderen. Und diese Art Identitätspolitik trägt den Keim der Diskriminierung von Menschen in sich, die zu uns kommen und das Deutsche vielleicht (noch) nicht so gut beherrschen.

Gegen den Einsatz für einen guten Gebrauch der schönen deutschen Sprache ist nichts einzuwenden. Gegen durchsichtige Manöver im Dienste einer nationalen Homogenitäts-Ideologie sehr wohl. Wer da nicht aufpasst, findet sich schnell in unangenehm völkischer Gesellschaft wieder.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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