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Björn Müller
Die zerfallene Truppe

Der Streitkräfte-Aufbau sollte den Bestand der »Islamischen Republik Afghanistan« sichern. Für die Kapitulation dieser Armee innerhalb von Wochen gibt es viele Gründe

Die Afghan National Army - kurz ANA - hat sich derart rasch unter der Taliban-Offensive aufgelöst, dass sich Beobachter verwundert die Augen rieben. Wo waren die Früchte vergangenen 20 Jahre geblieben, in denen diese Armee von den Nato-Staaten aufgebaut und gut ausgerüstet wurde? Im Jahr 2002 ins Leben gerufen, schaffte es die Nationalarmee nie, eine dauerhafte Raumkontrolle im Land zu behaupten. Die letzten offiziellen Zahlen vom April nennen eine Stärke von 182.000 Soldaten für Heer samt Luftwaffe, laut dem letzten Quartalsbericht des US-Sondergeneralinspektors für den Wiederaufbau Afghanistans John F. Sopko. Immerhin die Größenordnung der Bundeswehr inklusive Marine. Doch die Gefechtsberichte der letzten Monate zeigten: Die Truppenkörper der ANA - sieben Korps und eine Hauptstadt-Division - leisteten keinen ernsthaften Widerstand gegen die Taliban und zerfielen schnell. Lediglich die Teilstreitkraft der Spezialkräfte blieb halbwegs intakt.

Vor allem mit dieser versuchte die Mitte August kollabierte Kabuler Regierung, wenigstens noch die Wirtschaftszentren des Landes zu halten. Anfang August erklärte der inzwischen geflohene Präsident Ghani, die Stärke der Special Operations Forces solle von 20.000 auf 45.000 erhöht werden. Ein illusorisches Vorhaben; denn eine wertige Ausbildung solcher Kommando-Einheiten dauert Jahre. Zudem erfolgte deren Training durch die Nato-Armeen inzwischen im Ausland, etwa in der Türkei, was nur mit aufwendiger Logistik funktioniert. Die aus der Verzweiflung geborene Strategie, diesen verbliebenen Leistungskern der ANA auf die urbanen Zentren zu konzentrieren, war nicht tragfähig. Wichtige Provinzstädte wie Kundus fielen zuletzt in Reihe, innerhalb weniger Tage.

Feuerwehr im ganzen Land Eine Überlastung der Speerspitze der Armee zeigte sich aber bereits davor. Spezialkräfte nebst Luftwaffe waren als Feuerwehr im ganzen Land unterwegs, um Taliban-Angriffe zu zerschlagen. Über Jahre gelang dies erfolgreich. Mit der erst 2008 gegründeten Luftwaffe wurde ein schlagkräftiger Einsatzverbund aufgebaut. Im letzten Quartal 2020 bestritten die Special Security Forces 94 Prozent ihrer Einsätze ohne Mentoren-Unterstützung, so ein Bericht des Sonder-Generalinspektors. Doch solche Erfolge blieben Stückwert. Ein hohes Operationstempo bedeutet eine hohe Abnutzung der Einheiten. Laut dem Statusbericht des US-Verteidigungsministeriums zur ANA-Ausbildung vom Dezember 2020 machte sich ein Mangel an "konsistentem Training" bei den Kommando-Einheiten bemerkbar.

Die Vertreibung der Taliban durch die Spezialkräfte wurde zudem nie nachhaltig. Denn deren konventioneller Sockel - die Nationalarmee - scheiterte stets damit, immer wieder freigekämpfte Distrikte zu sichern. Ein Symbol dafür waren die laut US-Angaben circa 10.000 ANA-Checkpoints im Land. Mit nur 10 bis 20 Soldaten, ohne Führung durch einen Offizier vor Ort und logistische Unterstützung sind diese Posten leicht zu überrennen. Die US-amerikanischen Militärplaner wollten ihre Zahl schon seit Jahren verringern. Stattdessen sollten weniger, aber befestigte und versorgte "Patrol Bases" die Raumsicherung verbessern. Doch von Seiten der Afghanen gab es latenten Widerstand gegen den Abbau der Checkpoints. Es ist ein offenes Geheimnis, dass diese oft dazu dienten, informell Wegzoll einzunehmen. Auch solche Auswüchse der Korruption bekamen die USA nie Zugriff. Auch wenn sie mit Vor-Ort-Kontrollen des Materials und dem Aufbau einer biometrischen Erfassung von Rekruten Unterschlagung und Betrug mit Geistersoldaten angingen.

Der Streitkräfte-Aufbau war das zentrale Projekt der USA, um den Bestand der "Islamischen Republik Afghanistan" zu sichern. Die internationale Staatengemeinschaft finanzierte auch den Aufbau einer Polizei. Die ANA war ein nahezu exklusives US-Vorhaben. Fast 89 Milliarden US-Dollar investierten die Vereinigten Staaten bis zu ihrem Kollaps in die afghanischen Sicherheitskräfte, einen Großteil davon in die Armee. Das sind mehr als 60 Prozent der gesamten US-Hilfen für Afghanistan seit 2002. Vom Sold, über Kasernen bis zu Waffen und Gerät samt Instandhaltung finanzierten die Amerikaner alles. Das Mentoring der Nato-Partner wie der Bundeswehr nebst dem Nato Afghan National Army Trust Fonds mit bis dato 3,4 Milliarden US-Dollar Investitionen war Beiwerk.

Doch den USA gelang es im Verbund mit der Nato nicht, den Gefechtswert der ANA weiterzuentwickeln. Die Kompanien der Hauptkampfeinheit, einem Bataillon, dem sogenannten "Kandak", sollten eigentlich vier Monate Training erfahren, sechs Monate in Einsätze gehen, danach zwei Monate ruhen. Aber der Feinddruck durch Aufständische wie die Taliban war so groß, dass die Kandaks fast ständig kämpften. Das "Cost of War"-Projekt der Brown University in Boston schätzt die Zahl der Gefallenen von Nationalarmee und Polizei auf bis zu 69.000 Soldaten und Polizisten.

Dabei feilten die USA ständig am Konzept der ANA. Zuletzt versuchten sie, die reguläre Raumsicherung der Armee über eine Heimatschutz-Miliz wirksamer zu machen - die "Territorial Force". Sie ersetzte die Lokalpolizei, die aufgelöst wurde. Deren Aufgabe war es, in den Dörfern und Gemeinden das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen. Dabei versagte die Polizei jedoch völlig im Dauerkriegszustand. Von der Miliz sollte mehr Wirkung bei der Aufstandsbekämpfung ausgehen, da sie ins Militär eingebettet wurde. Zum Tragen kam dieser Ansatz nicht mehr.

Auch gelang nie der Aufbau einer wertigen Logistik und Instandsetzung für die ANA-Einheiten in der Fläche. Deren Versorgung am Boden wurde nicht belastbar. Die Konvois litten unter gesprengten Straßen und ständigen Attacken. Bei ihren Fahrzeugen am Boden schafften die afghanischen Streitkräfte lediglich 20 Prozent der Instandhaltung aus eigener Kompetenz, so das US-Militär zu Beginn dieses Jahres. Zur Versorgung aus der Luft hatte die ANA nur vier eigene C-130 Herkules Transport-Maschinen. Fluggerät musste zur Überholung stets in Vertragsdepots der Nato nach Europa oder die Golfstaaten.

Hilfe über Zoom Die Mini-Luftwaffe bot nach dem Abzug der Nato-Mächte nicht nur die einzig verlässliche Operationslogistik; auch die militärische Schlagkraft hing zunehmend an ihr, je mehr die USA Beistandseinsätze ihrer Luftstreitkräfte verringerten. Für die Erfolge eingeflogener ANA-Spezialkräfte gegen die Taliban war die Luftnahunterstützung entscheidend. Diese basierte vor allem auf einer Flotte von Kleinkampfflugzeugen. Hier hatten die USA 24 Propellermaschinen des brasilianischen Herstellers Embraer für die ANA angeschafft. Deren Wartung ging jedoch nur mit Hilfe eingekaufter Techniker. Noch zu Beginn vergangenen Jahres bezahlte das US-Verteidigungsministerium laut eigenen Angaben mehr als 18.000 "Contractors" für Dienstleistungen, damit die afghanische Nationalarmee funktioniert. Der letzte Dienstleister-Bericht vom Juli verzeichnete noch fast 8.000. Laut Abzugsvereinbarung der USA mit den Taliban mussten die Dienstleister ebenfalls Afghanistan verlassen. Zuletzt wollten die USA mit "Over-the-Horizon" Hilfe afghanische Techniker vor Ort einweisen. Das heißt via Zoom-Meetings, koordiniert vom fernen Katar aus. Dort bauten die USA noch im Juni ein entsprechendes Zentrum auf, das künftig den Beistand für die ANA koordinieren sollte.

Dazu wird es nun nicht mehr kommen. In seinem soeben erschienen "Lessons Learned"-Bericht zu 20 Jahren US-Engagement am Hindukusch beschreibt US-Sondergeneralinspektor Sopko zentrale Missgriffe der Vereinigten Staaten beim Aufbau der ANA. Deren Konzept wurde immer anspruchsvoller. Zunächst nur als leichte Infanterie ausgelegt, sollte die ANA ab 2007 zu einer vollwertigen Armee mit Teilstreitkräften reifen. Was den Druck zusätzlich erhöhte: Die Plangröße der ANA wurde stetig ausgeweitet. Im Ergebnis nahm die Qualität der Ausbildung für die Masse der Soldaten ab. Die Dauer der Grundausbildung sank von 14 auf 10 Wochen, um mehr Truppen ins Feld zu stellen. Den notwendigen immensen Personaleinsatz für das ambitionierte Streitkräfte-Projekt konnte das US-Militär samt Verbündeten nie aufbringen. Ein prägnantes Beispiel: Ab 2005 stiegen die US-Streitkräfte noch in die Ausbildung der afghanischen Polizei ein. Ihre Mentoren-Teams sollten nun Ordnungshüter sowie Soldaten ausbilden. Noch vier Jahre später stellten die US-Militärplaner fest, sie bräuchten 635 Teams dafür. Zum Einsatz bringen konnten sie jedoch nur 90.

Der Autor ist freier Fachjournalist für Sicherheitspolitik in Berlin.

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