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Neue Führung
Christian Meier
Nachbarn in Unruhe

Wie die Region auf die Machtübernahme durch die Taliban reagiert

Die Schockwellen, die der Zusammenbruch der afghanischen Regierung aussendete, reichten bis nach Europa und in die USA. Dort lösten sie Debatten über die Fehler der westlichen Afghanistan-Politik aus (siehe auch Text unten). Unmittelbarer zu spüren sind die Auswirkungen des Herrschaftswechsels aber in Afghanistans Nachbarschaft. Die umliegenden Länder sind direkt mit den Folgen der Machtübernahme durch die Taliban konfrontiert, seien es Flüchtlingsströme, ein Aufleben terroristischer Gruppen oder sich verändernde Allianzen.

Zugleich bieten sich mit dem Wegfall der Militärmacht der Vereinigten Staaten neue Möglichkeiten. In der öffentlichen Wahrnehmung wird das Interesse der Nachbarländer daran bisweilen jedoch überschätzt. Was Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, China, Pakistan und Iran eint, ist weniger die Hoffnung auf wirtschaftliche und geopolitische Vorteile, sondern eher die Besorgnis über neue Instabilität.

Das gilt selbst für Pakistan, den wichtigsten Förderer der Taliban. Der Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) hatte schon den Taliban-Gründer Mullah Omar in den 1980er Jahren für den Kampf gegen die sowjetische Invasion ausgebildet und später die Taliban gefördert. Auch deren Siegeszug seit dem Frühsommer 2021 soll von jenseits der Grenze unterstützt worden sein. Die pakistanische Regierung hat dies jedoch stets bestritten. Daher erregte es einiges Aufsehen, als ISI-Direktor General Faiz Hameed den neuen Herrschern in Kabul Anfang September in aller Öffentlichkeit einen Besuch abstattete. Man habe Aspekte des Grenzmanagements besprochen sowie "generelle Sicherheitsfragen, um sicherzustellen, dass Spoiler und terroristische Organisationen die Situation nicht ausnutzen", hieß es anschließend aus Islamabad. Ebenfalls diskutiert wurde, dass im Zuge der Eroberung Kabuls Hunderte inhaftierte pakistanische Islamisten der Gruppe Tehreek-e-Taliban (TTP) freigekommen waren.

Islamabads Alptraum Damit waren mehrere Themen angesprochen, die das pakistanische Militär umtreiben. Die TTP - die sogenannten pakistanischen Taliban - hat vor allem zwischen 2007 und 2014 zahlreiche Terroranschläge verübt, bevor das pakistanische Militär sie in einer großangelegten Offensive zurückdrängte. In jüngster Zeit haben die Dschihadisten ihre Angriffe wieder verstärkt. Mit den afghanischen Taliban sind sie lose verbündet. Die Vorstellung, dass TTP-Mitglieder sichere Rückzugsgebiete auf afghanischem Territorium haben oder sogar von den neuen Machthabern dort unterstützt werden, ist für Islamabad ein Alptraum. Dies umso mehr, als die TTP und andere militante Gruppen zuletzt auch Anschläge auf chinesische Infrastrukturprojekte in Pakistan verübte, was auf den Verbündeten in Peking abschreckend wirken könnte. Daneben fürchtet die Führung in Islamabad auch, dass weitere Flüchtlingswellen Pakistan erreichen - schon jetzt leben dort mehr als vier Millionen Afghanen.

Aus diesen Gründen ist Pakistan auf die Zusammenarbeit mit den Taliban angewiesen. Denn auch wenn der ISI Einfluss auf die Gruppe hat, ist dieser nicht grenzenlos. Islamabad hofft, weiter auf dem schmalen Grat zwischen Unterstützung der Taliban und ihrer Einhegung balancieren zu können. Das grundsätzliche Interesse ist dabei vor allem geopolitischer Natur: Pakistan will verhindern, dass der Rivale Indien in Afghanistan Einfluss gewinnt und Pakistan von zwei Seiten bedrängen könnte. Dass die Regierung von Präsident Aschraf Ghani gute Beziehungen nach Delhi unterhielt, hatte den mächtigen Militärs in Islamabad stets Kopfschmerzen bereitet; das Verhältnis von Ministerpräsident Imran Khan zu Ghani galt ebenfalls als belastet. Auch aus diesem Grund wurde die Machtübernahme der Taliban von Khan und anderen in Pakistan begrüßt. Hinzu kommen wirtschaftliche Erwägungen: Mit und über Afghanistan könnte der Handel mit Zentralasien ausgebaut werden. Hier fallen die Interessen Pakistans mit denen Usbekistans zusammen.

Peking wartet ab Die Erschließung neuer Märkte und der Zugriff auf Bodenschätze spielen auch in der chinesischen Außenpolitik eine große Rolle. Manche Kommentatoren spekulierten nach der Machtübernahme der Taliban gleich über eine Eingliederung Afghanistans in Chinas "neue Seidenstraße" - immerhin hatte die Führung in Peking sich schon seit einiger Zeit den Islamisten gegenüber offen gezeigt. China werde, zusammen mit Russland, das von den Amerikanern hinterlassene Vakuum rasch füllen und seinen geopolitischen Einfluss ausbauen.

Allerdings deuteten erste Signale darauf hin, dass China sich abwartend verhält. Ähnlich wie im Falle Pakistans stehen auch für Peking sicherheitspolitische Erwägungen an erster Stelle, wenn es um Afghanistan geht. Schon als Außenminister Wang Yi im Juli mehrere ranghohe Mitglieder der Taliban in Tianjin empfing, unter ihnen Mullah Abdul Ghani Baradar, versicherte dieser dem Gastgeber, dass von Afghanistan keine Gefahr für China ausgehen werde. Die gemeinsame Grenze ist zwar nur rund 90 Kilometer lang. Dennoch ist Peking besorgt, dass die uigurische Terrorgruppe "Islamische Partei Turkestan" durch den Regimewechsel im Nachbarland Auftrieb erhalten könnte.

Die Erwartungen an die Ausbeutung von Bodenschätzen sind demgegenüber eher niedrig. Schon 2008 hat China sich beispielsweise die Schürfrechte der Kupfermine Aynak gesichert. Obwohl dort die drittgrößten Vorkommen der Welt vermutet werden, ist bis heute kaum etwas passiert. Afghanistan ist in mehrfacher Hinsicht schwieriges Terrain. Es ist noch nicht einmal sicher, ob die Taliban sich an der Macht halten werden. Aus diesem Grund beobachtet Peking die Entwicklungen und versucht, sich alle Optionen offenzuhalten. Zugleich bemüht sich die Propagandamaschine der Kommunistischen Partei, den Rückzug des Westens aus Afghanistan als Beleg für den Niedergang der USA darzustellen und das chinesische Gegenmodell zu propagieren, das sich - vermeintlich - nicht in die inneren Belange anderer Länder einmischt. Bei dem Treffen mit Wang Yi sagte dieser chinesischen Angaben zufolge den Taliban, der hastige Rückzug der ausländischen Truppen "markiert das Scheitern der US-Politik gegenüber Afghanistan".

Tatsächlich sieht Peking wie andere regionale Akteure den amerikanischen Rückzug wohl mit gemischten Gefühlen. Ein Sicherheitsvakuum in Afghanistan wäre aus ihrer Sicht eine große Bedrohung, und sollte ein Bürgerkrieg ausbrechen, würde dieser direkt oder indirekt die Region betreffen.

Das gilt selbst für Iran. Die schiitische Islamische Republik, einst mit den sunnitischen Taliban verfeindet, hat die Islamisten seit etwa 2015 unterstützt - rhetorisch und zuletzt wohl auch durch die Lieferung leichter Waffen. Als die vom Westen unterstützte Regierung in Kabul Mitte August zerfiel, herrschte in Teheran Schadenfreude. Zugleich aber gab es kritische Äußerungen darüber, wie der Truppenabzug ablief.

Schon zuvor hatte Iran einen Balanceakt geübt und Kontakte sowohl zur Regierung in Kabul als auch zu den Taliban unterhalten. Wie andere Nachbarländer fürchtet Iran um die Sicherheit an der Grenze, auch mit Blick auf potenzielle separatistische Bestrebungen unter sunnitischen Minderheiten. Hinzu kommen weitere iranische Interessen: die Sicherheit der schiitischen afghanischen Bevölkerungsgruppe der Hazara; Schutz vor dem afghanischen Ableger der Terrorgruppe "Islamischer Staat"; die Bändigung des Drogenschmuggels aus Afghanistan sowie des Zustroms von Flüchtlingen, die auch Iran in Millionenzahl beherbergt; die Lösung grenzüberschreitender Wasserkonflikte.

Hoffnung auf Stabilität Das Regime in Teheran hofft daher auf Stabilität und Ruhe im Nachbarland. Diese sähe es wohl am ehesten verwirklicht, wenn die Taliban nicht allein die Macht in Händen hätten. Ähnlich positioniert sich das Regime in Tadschikistan. Machthaber Emomali Rahmon hat sogar offen gefordert, dass auch die tadschikische sowie weitere Bevölkerungsgruppen repräsentiert werden müssten. So offen wie in Tadschikistan wurde der Monopolisierung der Macht durch die Taliban bislang in keinem anderen Nachbarland Afghanistans widersprochen.

Der Autor ist Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

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