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Hilmar Sack
Trauer um Chefredakteur Jörg Biallas

Jörg Biallas, der Chefredakteur dieser Zeitung und des Pressedienstes "heute im Bundestag", ist tot. Die Redaktion trauert um einen Vollblut-Journalisten, der zuhören konnte und genau hinschaute. Um einen Vorgesetzten, der "die Truppe", wie er gern sagte, mit großer Umsicht führte. Fehlen wird ein erfahrener Kollege, ein toller Mensch, auf dessen Rat und Unterstützung Verlass war. Zugewandt und humorvoll, selbstbewusst und von erfrischender Lässigkeit.

Jörg Biallas hatte sein Fach von der Pike auf gelernt, das war ihm wichtig in einer Zeit, in der sich viele, die öffentlich schreiben, Journalist nennen. Nur durch eine Verletzung an einer Karriere als Volleyball-Profi gehindert, hätte die Sportredaktion nahegelegen. Als Japanologe - ein Studium, über das er mitreißend erzählen konnte - eine Korrespondententätigkeit. Wer ihn erlebte, spürte aber: Seine Leidenschaft war die Politik. Das Ringen um Mehrheiten sah Jörg Biallas nicht als "Zeitvertreib einiger Politiker im parlamentarischen Elfenbeinturm", sondern als "etwas, das unsere Gesellschaft unmittelbar beeinflusst, sie ausmacht und zusammenhält". Deshalb war ihm die faire und ausgewogene journalistische Darstellung dieser Prozesse so wichtig.

In die Bundestagsverwaltung kam Biallas 2011 mit der Erfahrung des meinungsstarken Chefredakteurs der "Mitteldeutschen Zeitung". Mit der strikt neutralen und überparteilichen Berichterstattung aus dem Parlament wartete eine neue Aufgabe. Er hat "Das Parlament" geprägt, er hat es verändert. Jörg Biallas führte Themenschwerpunkte ein, etablierte die "Blickpunkt"-Seite für vertiefte Darstellungen, sorgte für eine E-Paper-Ausgabe und für eine Beilage in Leichter Sprache. Bei Abonnenten legte "Das Parlament" entgegen aller Trends zu. Das machte ihn stolz. Zu Recht. "Das Parlament" verdankt ihm viel.

Nachdrücklich warb er dafür, die klassischen Zeitungsleser im Blick zu behalten. Skeptisch gegenüber einer gedankenarmen 280-Zeichen-Öffentlichkeit bewegte ihn dennoch, wie sich die Parlamentsberichterstattung auch auf digitalen Kanälen konzeptionell und organisatorisch aufstellen sollte. Für die Außendarstellung parlamentarischer Abläufe - auch der Redaktionsarbeit - engagierte er sich in Podiumsdiskussionen und im Gespräch mit ausländischen Parlamentarierdelegationen, Schulklassen und Besuchergruppen.

Ein "Verwaltungsgewächs" war Jörg Biallas nicht. Im besten Sinne hemdsärmelig, offen und direkt, verteidigte er die Unabhängigkeit seiner Redaktion. Innerhalb der Verwaltung und gegenüber jedem Einflussversuch aus dem politisch-parlamentarischen Raum. Wichtiger als Hierarchien war ihm sein persönlicher Eindruck. Einen plötzlich verstorbenen Kollegen, der hinter den Kulissen jahrelang für die Zeitung gewirkt hatte, würdigte er prominent in "seiner" Zeitung - eine besondere Geste, typisch für ihn.

Nun ist Jörg Biallas selbst verstorben, kurz nach seinem 59. Geburtstag. Es heißt oft: Die Krankheit war stärker - und es stimmt ja auch. Aber mit äußerlicher Gelassenheit und bewundernswerter innerer Kraft hat Jörg Biallas lange der Krankheit sein Leben abgetrotzt. Dahinter stand ungeheure Disziplin, aber nicht allein. Vor allem seine Lebenslust, die ansteckende Freude an seiner Arbeit, am fröhlichen Austausch mit anderen. Man konnte mit ihm wunderbar fachsimpeln, streiten, schwelgen, bevorzugt zu Reisen an die nordfranzösische Küste, wo man Muscheln und Austern selbst ernten kann, über gutes Essen, edle Tropfen und alte Autos - vor allem solche mit Charakter. Das passte zu ihm.

Sein Tod reißt eine Lücke. Er wird schmerzlich fehlen. Wir trauern mit seiner Frau und seinen Töchtern.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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