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Jakob Blankenburg
Claudia Heine
»Ich fange nicht bei null an«

Der 24-jährige SPD-Abgeordnete über seine Jahre in der Kommunalpolitik und die Freude über eine jüngere und buntere Fraktion

Herr Blankenburg, Sie haben Politikwissenschaften studiert. Was hat Sie gereizt, gewissermaßen die Seiten zu wechseln und sich selber in den Politikbetrieb zu stürzen?

Vor allen Dingen der Anreiz, selber gestalten zu können. Ich bin politisch aktiv geworden in einer Bürgerinitiative, die sich gegen Erdgas-Fracking in unserer Region engagiert hat. Da habe ich aber relativ schnell gemerkt: Die Entscheidungen werden in der Politik getroffen und da möchte ich gerne mitreden. Mit dieser Motivation bin ich schließlich ins Kommunalparlament eingezogen. Wenn ich etwas verändern möchte, dann hilft es mir nicht, von der Seitenlinie schlaue Kommentare abzugeben, sondern dann versuche ich lieber, aktiv neue Perspektiven in die Diskussion einzubringen. Das war auch mein Motiv für die Bundestagskandidatur.

Kommunalpolitik ist aber zweifellos näher dran an den Bürgern und ihren Problemen. Haben Sie Sorge, dass Sie als Bundestagsabgeordneter zu weit weg davon sind?

Nein. Bei den letzten Kommunalwahlen bin ich in den Kreistag und den Stadtrat in Lüneburg gewählt worden. Ich plane auch, dort weiter aktiv zu bleiben, weil es gut ist, eine kommunalpolitische Verankerung vor Ort zu haben und dadurch Themen ganz anders mitzubekommen. Also, ich glaube, das ergänzt sich beides sehr gut.

Für viele Menschen wirkt der Berliner Politikbetrieb auch abschreckend: immer unter Beobachtung, immer Termindruck und dabei gleichzeitig in der Lage sein, profunde Urteile abzuliefern.

Ich finde es momentan einfach total spannend und freue mich darauf, was ich in den nächsten Tagen noch lernen und auch in den nächsten Jahren an Erfahrungen mitnehmen darf. Es ist definitiv ein Lernprozess, der mich aber nicht abschreckt.

Dem neuen Bundestag gehören nur sechs Abgeordnete bis 24 Jahre an. Und auch die Altersgruppe bis 30 Jahre ist nicht gerade überrepräsentiert. Finden Sie das schade?

Im Vergleich zu den Jahren davor gibt es jedenfalls eine deutliche Steigerung. Es gibt nun deutlich mehr Menschen, die auch die Perspektive junger Menschen in den neuen Bundestag einbringen können. Letztlich kommt es nicht nur auf das Alter an. Es ist sicher wichtig, dass wir mehr junge Leute im Parlament haben. Aber ich glaube, dass es generell wichtig ist, eine gute Mischung zu repräsentieren. Als Direktkandidat vertrete ich meinen Wahlkreis und der besteht nicht nur aus Menschen in meinem Alter. Deshalb vertrete ich als Abgeordneter die Interessen aller Altersgruppen.

Gerade in der Diskussion um den Klimawandel war oft von generationsspezifisch unterschiedlichen Interessenlagen die Rede. Welche Unterschiede haben Sie im Wahlkampf beobachtet?

Klimapolitik hat ganz klar bei jüngeren Menschen eine große Rolle gespielt. Aber auch die Fragen: Wie geht es mit Corona weiter, wie können wir im neuen Schuljahr weiter lernen? Haben wir auch Orte, an denen wir uns endlich wieder treffen können? Wie können wir in Zukunft junge Menschen besser an der Debatte beteiligen? Corona war also ein Thema, das viele junge Menschen bewegt hat, aber auch die ältere Generation, die sich Sorgen um die Zukunft ihrer Enkel macht. Natürlich waren auch andere Themen wichtig: bezahlbarer Wohnraum und Mobilität zum Beispiel. Das betrifft tatsächlich alle Menschen im ländlichen Raum, egal wie alt sie sind.

Was bedeutet es für Sie, "mutig für die Zukunft" zu sein, wie Sie schreiben?

Für mich bedeutet das vor allen Dingen, gewillt zu sein, große Zukunftsfragen anzugehen. Sich Gedanken darüber zu machen, wo sich unser Land in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten hinbewegen soll. Wie können wir auch große Lösungen schaffen und uns nicht nur bis zum nächsten Kompromiss hangeln.

Welche Fragen wären das zum Beispiel?

Die Frage ist doch, wie wir in Zukunft respektvoll als Gesellschaft zusammen in unserem Land leben können und wollen. Das betrifft das Thema soziale Gerechtigkeit genauso wie den Einsatz für eine lebenswerte Umwelt oder eine nachhaltige Wirtschaft. Da brauchen wir neue Ideen, Mut und Innovationslust.

Wissen Sie schon, auf welche Themenbereiche Sie sich in Berlin konzentrieren werden?

Als Juso-Landesvorsitzender habe ich in den vergangenen Jahren leidenschaftlich gerne über innenpolitische Fragen gestritten. Als Kommunalpolitiker war ich sehr oft mit Digitalisierung und Umweltpolitik befasst. Von daher bin ich thematisch breit aufgestellt. Wir müssen ja erstmal abwarten, in welcher Form sich die Ausschüsse des Bundestages neu konstituieren.

Wie haben Sie die erste Sitzung der neuen SPD-Fraktion erlebt? War das ein emotionales Ereignis?

Ich fand es sehr überwältigend, im Plenarsaal zu tagen, auf diesen bekannten blauen Stühlen zu sitzen, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt. Außerdem fand ich es beeindruckend, wie divers und unterschiedlich die neue SPD-Fraktion zusammengesetzt ist. Mehr als die Hälfte der Abgeordneten sind neu im Bundestag. Zu sehen, was für unterschiedliche Lebensrealitäten und -geschichten von ihnen repräsentiert werden, von Migrationsgeschichten, beruflichen Stationen, unterschiedlichen Altersgruppen. Das ist spannend und das gab es in den letzten Jahren ja nicht immer. Zu sehen, dass Menschen, die vor zehn Jahren eingebürgert wurden, nun im Parlament sitzen, das ist großartig.

Die Hälfte der Fraktion besteht aus Neulingen. Haben die erfahrenen Abgeordneten Sie denn schon in einige Geheimnisse der Organisation eingeweiht?

Wir bekommen dankenswerter Weise ständig Informationen über Dinge, auf die wir achten sollten, woran wir auf jeden Fall denken sollten. Die Fraktion aber auch Abgeordnete, die schon länger dabei sind, sind da sehr zuvorkommend. Heute und morgen findet noch einmal eine zweitägige Einführungsveranstaltung statt, wo es dann auch um so profane Dinge geht: Wo beantrage ich was? Wie ist das mit meiner Mitarbeitenden-Pauschale organisiert? Wie bekomme ich eine E-Mail-Adresse? Es ist eine tolle Aufbruchstimmung und auch schon ein Wir-Gefühl. Ich bin gespannt, wie es wird, wenn wir hier alle so richtig angekommen sind.

Eine andere, angesichts der Größe mittlerweile immer schwierigere Frage im Bundestag: Wo habe ich mein Büro?

Das ist natürlich alles noch nicht geklärt so kurz nach der Wahl. Bei der SPD ist es üblich, dass die Landesgruppen zusammen untergebracht werden sollen. Aber wie; wo und wann, das ist alles noch offen. Ich bin erstmal total froh, im Büro meiner Vorgängerin aus meinem Wahlkreis Unterschlupf gefunden zu haben und halbwegs mit dem W-Lan arbeitsfähig zu sein.

Und wie ist es mit Mitarbeitern? Haben Sie im Vorfeld schon sondiert und können auf ein Team zurückgreifen?

Tatsächlich war ich überrascht, wie viele Bewerbungen ich in den vergangenen Tagen bekommen habe. Aber ich bin sehr dankbar, dass meine Vorgängerin mir hier ein gutes Büro mit einem erfahrenen Team, das sich im Wahlkreis auskennt, hinterlassen hat. Ich fange also nicht bei null an.

Das Gespräch führte Claudia Heine.

Jakob Blankenburg (SPD) ist 24 Jahre alt und damit der jüngste in den Bundestag eingezogene Direktkandidat. In seiner Altersgruppe gehören insgesamt sechs Abgeordnete dem Bundestag an - zwei für die SPD und vier für die Grünen. Blankenburg vertritt den Wahlkreis Lüchow-Dannenberg - Lüneburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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