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Gastkommentare - Pro
Uwe Jahn, ARD-Hauptstadtstudio, Berlin
Erstrebenswert

SPIEGELBILD DER GESELLSCHAFT?

E in Spiegel der Gesellschaft zu sein - das ist ein erstrebenswertes Prinzip, auch wenn man es nie ganz einlösen kann. Denken wir an die Zeit, als es kaum Frauen im Bundestag gab. Wieviel Sexismus und abwertende Bemerkungen sie erfahren haben - gerade erst hat der Film "Die Unbeugsamen" über die Frauen der Bonner Republik es gezeigt. Das hätten die Herren sich bei einem Frauenanteil von 50 Prozent wohl kaum getraut.

Ein anderes Beispiel: Die meisten Abgeordneten haben heute einen juristischen Beruf. Sicher können sie dadurch besser Gesetze machen. Und selbstverständlich haben sie - wie alle anderen Abgeordneten - auch Bevölkerungsgruppen im Blick, denen sie selbst nicht angehören. Aber es würde der Demokratie nutzen, wenn wir mehr Leute aus den Bereichen Handwerk, Pflege, ÖPNV, Wissenschaft oder aus der Fabrik hätten. Manches Gesetz wäre praxisnäher gestaltet und verständlicher formuliert. Schließlich hat die neue Bundestagspräsidentin Bärbel Bas gerade erst gesagt, das Parlament solle eine Sprache benutzen, die in diesem Land auch gesprochen und verstanden wird.

Nun sind im neuen Bundestag mehr jüngere Menschen vertreten. Das werden wir - so meine Prognose - bei vielen Zukunftsthemen spüren. Und vielleicht werden uns bald auch die Stimmen hochaltriger Menschen im Bundestag bei bestimmten Themen fehlen. Bei der Bundestagswahl haben wir gesehen, dass in Gegenden, in denen viele Geringverdiener und Migranten wohnen, weniger wählen gehen. Kein Wunder. Wer sich ausgeschlossen fühlt, weil er oder sie das Gefühl hat, "Leute wie wir sind im Bundestag kaum zu sehen", rückt von der Demokratie ab. Das wollen wir nicht. Und zwar aus Prinzip.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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