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Yvonne Magwas
Jan Rübel
Die Stimmenkönigin

Mehr als eine Kompromisskandidatin

Die ersten Worte im neuen Amt waren unmissverständlich. "Da habe ich eine sehr klare Haltung", sagte Yvonne Magwas der "Rheinischen Post". "Das Anliegen der FDP unterstütze ich nicht. Sie hat eine Tradition. Und das soll auch so bleiben." "Spiegel Online" fasste diese Aussage der neuen Vizepräsidentin des Bundestages mit der Schlagzeile zusammen: "Magwas schmettert Wunsch der FDP zur Sitzordnung ab." Die Liberalen wollen im Plenarsaal nicht mehr neben der AfD sitzen und schlugen vor, die Unionsfraktion möge dies tun. Doch Magwas "schmetterte".

Auf dem Zettel hatten die Parlamentskorrespondenten Magwas nicht unbedingt, als sie über die Besetzung des Vize-Postens orakelten, welcher der Union vorbehalten ist. Viele sehr wichtige Posten gibt es für CDU und CSU in Berlin ja nicht mehr, und entsprechend intensiv wurde diskutiert. Dann aber verzichteten Monika Grütters und Annette Widmann-Mauz, beide Beauftragte der Bundesregierung im Kanzleramt, auf ihre Kandidatur. Es ging um ein Zeichen der Geschlossenheit in der angeschlagenen Unionsfraktion. Überraschend zog also die 41-jährige Magwas vorbei - und erhielt bei der Wahl mit 600 Ja-Stimmen das beste Vize-Ergebnis. Seit 2013 sitzt sie im Bundestag. Damals über die Landesliste, 2017 dann direkt in ihrem Wahlkreis Vogtlandkreis gewählt und 2021 wiederum als eine von nur vier CDU-Kandidaten in Sachsen und als einzige in einem ländlichen Wahlkreis.

Ihr politisches Engagement reicht weit zurück. 1998, als Magwas Abitur machte und die erste rot-grüne Koalition gebildet wurde, trat sie in die Junge Union ein. Und schnupperte Parlamentsluft, indem sie ein Praktikum beim Bundestagsabgeordneten Rudolf Braun absolvierte. Es muss ihr gefallen haben. Während ihres Studiums der Soziologie, Psychologie und Betriebswirtschaftslehre wurde sie Stadträtin in Auerbach und Mitglied im Kreistag des Vogtlandkreises. Beinahe hätte es sie einmal in die Wirtschaft gezogen, als Magwas während ihres Studiums eine Firma zur Vermittlung von Praktikumsplätzen gründete. 2005, ein Jahr vor ihrem Diplom in Soziologie, begann Magwas als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundestagsabgeordneten Robert Hochbaum.

Magwas ist nicht nur eine Kompromisskandidatin. Fraktionschef Ralph Brinkhaus hatte bereits vor der entscheidenden Sitzung von ihr als einem "guten Kompromiss" gesprochen, sie als "erfahrene Parlamentarierin" bezeichnet, die als Mutter eines Kindes "mitten im Leben steht". Liiert ist sie mit Marco Wanderwitz, dem bisherigen Ost-Beauftragten der Bundesregierung. Pragmatismus und Lösungsorientiertheit scheinen ihr eher zu liegen als das Beharren auf harten Positionen; in der sächsischen CDU vertritt sie den moderaten Flügel. Mit ihrer Wahl sendet die Bundes-CDU auch die Botschaft, dass Anliegen der Ostdeutschen in der Hauptstadt ein Gehör haben sollen. Ostdeutsch, Frau und jung - das steht in der Unionsfraktion tatsächlich für einen Neuanfang. Magwas steht der "Gruppe der Frauen" in der Unionsbundestagsfraktion vor und ist stellvertretende Vorsitzende der "Frauen Union".

Im Interview mit der "Rheinischen Post" kündigte Magwas auch an, bei einer Wahlrechtsreform die Belange von Frauen stärker berücksichtigen zu wollen. Die Wahlrechtskommission aus der vergangenen Legislaturperiode müsse "schnellstmöglich" wieder eingesetzt werden, sagte sie. Dann werde es darum gehen, wie man eine stärkere Beteiligung von Frauen im Rahmen einer Wahlrechtsreform sicherstellen könne. Die Kommission solle dafür Empfehlungen erarbeiten.

Ferner kündigte Magwas an, dass sie als Vizepräsidentin für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Parlamentsarbeit sorgen wolle. Angesichts ausufernder Sitzungszeiten müsse überlegt werden, "wie wir solche Auswüchse begrenzen und im Bundestag die Digitalisierung stärker nutzen können", sagte sie. Sie wisse aus eigener Erfahrung, dass vor allem namentliche Abstimmungen am späteren Abend problematisch seien, "wenn man zu Hause das Kind betreuen muss, aber zugleich abstimmen soll", so Magwas. "Beides geht bisher nicht." Deswegen müssten digitale Wege gefunden werden.Jan Rübel

Aus Politik und Zeitgeschichte

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