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Petra Pau
Claus Peter Kosfeld
Die Rekordfrau

Amtiert schon seit 2006 als Vizepräsidentin

Schon eine halbe Ewigkeit gehört Petra Pau (Linke) dem Parlament an. Seit 1998 ist sie im Bundestag vertreten, seit 2006 als Vizepräsidentin. Anfangs im Parlament noch skeptisch beäugt, gilt die frühere Lehrerin aus Berlin-Marzahn heute als erfahrene, ausgleichende und als Vizepräsidentin in der Sitzungsleitung durchsetzungsstarke Persönlichkeit, die auch im Ältestenrat auf viel Respekt und Zustimmung stößt. Sie ist inzwischen die dienstälteste Vizepräsidentin des Bundestags.

Nicht weniger als sechs Mal hintereinander gewann Pau ihr Berliner Direktmandat, 1998 im Wahlkreis Berlin-Mitte-Prenzlauer Berg, in den Folgejahren im Wahlkreis Berlin-Marzahn-Hellersdorf. Bei der Wahl in diesem Jahr unterlag sie überraschend dem CDU-Kandidaten Mario Czaja. Über die Landesliste zog die Frau mit dem markanten Bürstenhaarschnitt dann aber doch wieder in den Bundestag ein.

2006 war sie noch zweite Wahl für den Posten des Vizepräsidenten. Eigentlich sollte Lothar Bisky das Amt bekommen, er erreichte jedoch nicht die nötige Mehrheit. Daraufhin trat Pau an und wurde im ersten Wahlgang gewählt. Vergangene Woche wurde sie zum fünften Mal in Folge im Amt bestätigt. Auf Pau entfielen 484 Ja-Stimmen, 163 Nein-Stimmen und 76 Enthaltungen. Sie bot eine gute Zusammenarbeit an "für die Demokratie".

Die frühere Funktionärin der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in der DDR kennt die Besonderheiten der Parlamentsarbeit aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Als bei der Wahl 2002 die damalige PDS, die Nachfolgeorganisation der SED, politisch strauchelte, zogen nur Pau und ihre Kollegin Gesine Lötzsch als Einzelkämpferinnen in den Bundestag ein. Für die beiden Frauen standen hinten im Saal zwei Stühle bereit. Die beiden PDS-Frauen hatten in Berlin jeweils Direktmandate gewonnen, während die PDS unter der Fünf-Prozent-Marke blieb. Es reichte damals nicht einmal für den Status als Gruppe, von den Rechten einer Fraktion ganz zu schweigen.

Von dieser politischen Durststrecke ließ sich Pau nicht aus der Bahn bringen, sondern setzte Akzente, wo es ging, etwa mit ihrem Engagement gegen Rechtsextremismus. Sie gilt als Innenexpertin und war Obfrau in Untersuchungsausschüssen.

Das Durchhaltevermögen mag auf ihre Erfahrungen in der DDR und der Wendezeit zurückgehen. Pau stammt aus einem Arbeiterhaushalt. Geboren am 9. August 1963 in Berlin, absolvierte Petra Pau in der DDR eine Laufbahn nach den Vorstellungen des SED-Regimes. Von der Polytechnischen Oberschule wechselte sie 1979 an das Zentralinstitut der Pionierorganisation "Ernst Thälmann" (ZIPO) in Droyßig (Sachsen-Anhalt). Dort schloss sie ihr Studium 1983 als Freundschaftspionierleiterin und Unterstufenlehrerin für Deutsch und Kunsterziehung ab. Im selben Jahr trat sie in die SED ein.

Es folgte ein Studium an der Parteihochschule Karl Marx (PHS) in Berlin, das Pau 1988 mit einem Diplom in Gesellschaftswissenschaften abschloss. Bis 1990 arbeitete Pau im Zentralrat der FDJ, dann wurde die DDR-Jugendorganisation abgewickelt.

Pau sieht sich als demokratische Sozialistin und hat ihre DDR-Biografie immer offensiv verteidigt. Auch sie konnte sich den gesellschaftlichen Umbrüchen der Wendezeit nicht entziehen, wurde vorübergehend arbeitslos und schien mit der PDS politisch auf verlorenem Posten. Pau resignierte aber nicht und machte Karriere in der PDS, die seit 2007 als "Die Linke" firmiert, amtierte lange als Berliner Landesvorsitzende und später als stellvertretende Bundesvorsitzende. Sie setzt sich auch heute noch insbesondere für die Belange der Menschen in Ostdeutschland ein.

In den Jahren hat Pau immer wieder staunend auf ihre ungewöhnliche Karriere im Bundestag zurückgeblickt, die sie selbst so nicht erwartet hatte. Geholfen hat wohl ihre unaufgeregte, ausgeglichene Art. Auch privat lässt sie es ruhig angehen, sie kocht und liest gerne und kümmert sich um ihren Balkon-Garten im Haus, wo sie mit ihrem Mann wohnt. Zwischendurch findet sie noch Zeit, Anekdoten aus dem Alltag von Politik und Parlament zu schildern. Ihr neues Buch trägt den verheißungsvollen Titel "Gott hab sie selig".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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