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Claudia Heine
Stillstand geht nicht

Psychische Erkrankungen, Mediensucht, Lernlücken. Über Versuche, die Nebenwirkungen der Pandemie in den Griff zu bekommen

Ich bin alles. So lautet nicht etwa ein Werbespruch für Lifestyle-Produkte. Es ist der Name eines Hilfsangebotes im Internet für Menschen, deren "Lifestyle" sich überhaupt nicht gut anfühlt. Für junge Menschen in der Krise - und von diesen gibt es leider in Folge der Corona-Pandemie immer mehr.

Seit einem Jahr weisen es Wissenschaftler regelmäßig in Studien nach: Die Isolation von Kindern und Jugendlichen durch die Schließung von Schulen, Sportvereinen und anderen Freizeit- und Unterstützungsangeboten im Rahmen einer Lockdown-Politik kann massive negative Effekte auf die Psyche haben. Weltweit. So kamen kanadische Wissenschaftlerinnen im Sommer 2021 im Fachblatt "Jama Pediatrics" zu dem Schluss, dass heute doppelt so viele Kinder und Jugendliche unter Symptomen einer Angststörung oder Depression leiden als vor der Pandemie. Zur gleichen Zeit veröffentlichte das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) eine Analyse, wonach am Ende des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 rund 25 Prozent der Jugendlichen im Alter von 16 bis 19 Jahren unter depressiven Symptomen litt, vor Corona waren es zehn Prozent. "Das Offenhalten der Schulen sollte deshalb hohe Priorität haben, damit sich psychische Belastungen und Lernrückstände nicht noch weiter verstärken können", warnte BiB-Forschungsdirektor Martin Bujard bei der Vorstellung der Studie.

Dabei zeigte die Entwicklung schon vor der Pandemie in eine bedenkliche Richtung, wie Daten verschiedener Krankenkassen belegen: Nach Informationen der Barmer Krankenkasse hat sich zwischen 2009 und 2019 die Zahl der Patienten unter 24 Jahren, die psychotherapeutische Hilfe benötigen, auf 823.000 verdoppelt.

Corona-bedingt verstärkt sich dieser Trend. Die Zahl derer, die sich etwa wegen einer Essstörung behandeln lassen müssen, sei im Corona-Jahr 2020 um rund 60 Prozent gestiegen, schreibt die Krankenversicherung KKH unter Berufung auf Versichertendaten des ersten Halbjahres 2020.

So zahlreich die Studien zu diesen Thema sind, alle kommen zu dem gleichen Ergebnis: Kinder aus ärmeren Familien leiden deutlich stärker unter den Folgen der Pandemie. Für Kinder aus Risikofamilien seien Schulen als sozialer Raum besonders wichtig, schreiben die Mediziner des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) im zweiten Teil ihrer Copsy-Studie, an der mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche und mehr als 1.600 Eltern teilgenommen hatten. Schulen dürften deshalb "nicht nur" auf Lerninhalte achten, appellierten die Wissenschaftler.

Multimediale Hilfe Den Handlungsdruck haben Mediziner aus München zusammen mit der Beisheim Stiftung nun in ein Projekt gegossen: Zusammen mit der Stiftung hat die Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des LMU Klinikums München das erste digitale Infoportal "ich bin alles" zum Thema Depressionen und psychische Gesundheit gestartet. "Kinder und Jugendliche wurden bisher nicht direkt angesprochen, wenn es um ihre psychische Gesundheit und Krankheit ging. Es war aber deren oft geäußerter Wunsch: 'Sprecht nicht über uns, sondern mit uns und beteiligt uns'", erläutert Gerd Schulte-Körne, Direktor der Münchner Klinik und einer der Gründer von "ich bin alles" die Motivation hinter dem Projekt. Zu oft fänden sich Jugendliche im Therapiedschungel nicht zurecht, zu oft mangele es an altersspezifischen und vor allem niedrigschwelligen Präventionsangeboten, sagt der Mediziner.

Seit September dieses Jahres ist es online und bündelt multimedial aufbereitet umfangreiche Informationen und enthält Tipps für Beratungsangebote. Wann ist man "tieftraurig" und wann schon "depressiv"? Was sind die Ursachen einer Depression und wie findet man wieder heraus? Wie kann man sich davor schützen? Das sind nur einige Fragen, die unter anderem in Form von Video-Podcasts einfach verständlich erklärt werden.

Natürlich gab es im Netz auch vorher schon unzählige Informationen zu Depressionen. "Aber unsere Inhalte und Empfehlungen sind wissenschaftlich fundiert und abgesichert. Videos, Bilder, Texte, alles wurde zusammen mit Jugendlichen entwickelt und sie kommen auch selbst zu Wort", sagt Schulte-Körne.

Er kritisiert, dass die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu wenig im Fokus der gesellschaftlichen Diskussionen stünden: "Wenn über Coronamaßnahmen geredet wird, werden die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen, wenn überhaupt, erst am Ende diskutiert." In der Pandemie aber sei deren psychische Belastung enorm gestiegen. "Vor allem Ängste, gedrückte, traurige Stimmung, aber auch massive Essprobleme haben stark zugenommen", beschreibt der Arzt seine Beobachtungen. Seine Klinik mit Spezialeinheiten für Essstörungen und Depressionen erlebe einen "regelrechten Ansturm".

Multimediale Gefahrenzone Unter der Überschrift "psychisch gesund bleiben" gibt das Internetportal Kindern und Jugendlichen neben anderen auch folgenden Tipp: "Reduziere Deine Screentime" und fragt: "Hast Du Deine Medien im Griff oder sie Dich?" Denn Depressionen und eine übermäßige Mediennutzung können zusammenhängen. Für psychische Erkrankungen gibt es natürlich nie nur eine Erklärung. Aber auffallend in diesem Zusammenhang sind Forschungsergebnisse des UKE Hamburg und der DAK Krankenkasse, die Anfang November präsentiert wurden, dennoch. Zu vier Zeitpunkten hatten die Forscher jeweils 1.200 Familien zur Nutzung digitaler Medien befragt. Zum ersten Mal im September 2019 und zuletzt im Mai 2021. Herausgekommen ist, dass aktuell 4,1 Prozent der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland ein krankhaftes Spielverhalten bei Computerspielen zeigen. Hochgerechnet sind davon also rund 220.000 Mädchen und Jungen betroffen, was im Vergleich zu 2019 ein Anstieg von 52 Prozent bedeutet. Parallel dazu stieg auch bei Social Media die Mediensucht deutlich an. Hier wuchs der Anteil der pathologischen Nutzung seit 2019 von 3,2 auf 4,6 Prozent, ein Anstieg von 44 Prozent, mit derzeit fast 250.000 Betroffenen. Während des ersten Lockdowns lag die Spielzeit an einem Wochentag durchschnittlich bei 132 Minuten, vor der Pandemie verbrachten Jugendliche 83 Minuten täglich mit Computerspielen. Auch die Zeiten, die Kinder und Jugendliche werktags mit der Nutzung sozialer Medien verbringen, stieg damals deutlich: von 116 Minuten im Jahr 2019 auf knapp 140 Minuten. Nun liegen diese Werte zwar wieder etwas darunter, aber immer noch signifikant höher als vor der Pandemie.

Nur etwas mehr als die Hälfte der Eltern schränkt die Nutzung digitaler Medien durch Regeln überhaupt ein, ergaben die Befragungen. Wenn man sich die Empfehlungen der medizinischen Fachverbände zur täglichen Nutzungszeit anschaut, wird deutlich, wie groß die Kluft zur gelebten Realität ist: 7 bis 10-Jährige sollten maximal 45 Minuten, 11 bis 13-Jährige maximal 60 und 14-Jährige maximal 90 Minuten täglich vor Tablet oder Smartphone verbringen. Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen am UKE fordert deshalb einen deutlichen Ausbau von Präventions- und Therapieangeboten und warnt: "Wenn persönliche, familiäre und schulische Ziele in den Hintergrund treten, werden alterstypische Entwicklungsaufgaben nicht angemessen gelöst. Ein Stillstand in der psychosozialen Reifung ist die Folge."

In diesem Sinne hat die DAK zusammen mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) im Oktober 2020 ein Pilotprojekt gestartet, das eine neue, zusätzliche Vorsorgeuntersuchung für 12 bis 17-Jährige beinhaltet, bei der speziell die Mediennutzung im Zentrum steht. In Bremen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen können seitdem 70.000 Jugendliche die Früherkennung in Sachen Mediensucht ergänzend zur J1 und J2 (Jugendgesundheitsuntersuchung) nutzen. Rund 1.200 Ärzte bieten dort zudem ein spezielles Medientraining an.

Aufholjagd an den Schulen Und die Schulen? Sie versuchen mit viel Engagement all die Lücken auszugleichen, die in den vergangenen zwei Schuljahren durch die Schulschließungen entstanden sind. Nicht überall in gleicher Weise übrigens, denn auch hier hängt es leider oft vom sozialen Status der Kinder ab, wie stark die Bildungsdefizite durch Corona ausgeprägt sind. Zu Beginn des neuen Schuljahres wurden landesweit in allen Schulen sogenannte Lernstandserhebungen durchgeführt, um möglichen Förderbedarf bei den Schülern zu erkennen und anschließend entsprechend gegenzusteuern. Die Erhebungen sind Teil des im Frühjahr vorgestellten Aktionsprogramms der Bundesregierung "Aufholen nach Corona". Mit zwei Milliarden Euro sollen in diesem und im nächsten Jahr nicht nur schulische Lernlücken geschlossen, sondern Programme der frühkindlichen Bildung, der Schulsozialarbeit oder im Freizeitbereich unterstützt werden. "Denn 20 bis 25 Prozent der Schüler haben vermutlich große, vielleicht sogar dramatische Lernrückstände", sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) bei der Vorstellung des Programms.

Das kann der Schulleiter der Grundschule an der Marie im Berliner Bezirk Pankow, Jürgen Stolze, für seine Schule zwar nicht bestätigen. Dennoch hat auch er einen kritischen Befund bei Schulschließungen ausgemacht: "Das soziale Miteinander ist nicht mehr so stabil wie vor der Pandemie." Das tägliche soziale Lernen sei aber eine Voraussetzung für das ungestörte Lernen aller, "hier arbeiten wir mit Hochdruck dran", betont er.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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