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Stahlindustrie
Joachim Umbach
Der Tod der alten Riesen

Alle Fusionen und Übernahmen halfen nichts. Von der im Ruhrgebiet ist nicht mehr viel übrig. Neue Branchen wachsen jedoch.

Gerhard Cromme - mit keinem Namen ist der Strukturwandel der Stahlbranche an Rhein und Ruhr mehr verbunden. Die einen feierten ihn als Retter, weil er erhalten wollte, was noch wirtschaftlich überlebensfähig war, die anderen verfluchten ihn, weil er seine Vorstellungen, die meist mit einem drastischen Personalabbau verbunden waren, knallhart durchsetzte. Die Aktionäre jubelten ihm zumindest temporär zu, von den Arbeitnehmern gab es schon mal Eierwürfe. Doch selbst vor den Manager-Kollegen anderer Konzerne machte der Krupp-Chef nicht halt: Beim Dortmunder Hoesch-Konzern initiierte Cromme die erste "feindliche Übernahme" bei einem industriellen Großbetrieb in Deutschland.

Keine Rettung Rückblickend muss man sagen, dass selbst die Methode Cromme die deutschen Stahlstandorte nicht mehr retten konnte. ThyssenKrupp, eine gleichfalls von Cromme vorangetriebene Fusion, gibt es noch - wenn auch immer wieder mal in starken wirtschaftlichen Turbulenzen. Die damals hochmoderne Kokerei des Hoesch-Stahlwerks in Dortmund wurde abgebaut - und per Schiff nach China transportiert. Und in Rheinhausen verhinderte selbst der längste Streik, den es in der deutschen Wirtschaft jemals gegeben hat, nicht das Ende.

Beim Aufbau von neuen Strukturen, bei der Neuansiedlung von neuen Betrieben war Cromme weitgehend außen vor, das durften dann andere erledigen - in der Regel mit öffentlichen Geldern. Wobei sich die Vorstellung, Zechenanlagen oder Hüttenwerke durch andere industrielle Großbetriebe zu ersetzen, als nicht realistisch erwies. Das Beispiel Bochum machte das sehr deutlich: Die Ansiedlung des Opel-Werkes auf dem Gelände der Schachtanlage Zeche Dannenbaum wurde in den 60er-Jahren als Glücksfall gefeiert. Bald zeigte sich jedoch, dass man sich nur in eine neue Abhängigkeit von einem Arbeitgeber begeben hatte. 2014 lief der letzte Wagen, ein Zafira, in Bochum vom Band. Beim Telekommunikationsunternehmen Nokia war es auch nicht anders. In Boomzeiten beschäftigte der finnische Konzern in seinem Bochumer Werk 4.500 Mitarbeiter. 2008 war auch hier Schluss.

Nur noch einer der klassischen Stahlkonzerne, ThyssenKrupp, hat weiter seinen Sitz im Ruhrgebiet. Weltweit beschäftigt die AG mehr als 160.000 Arbeitnehmer, am Hauptsitz Essen sind es 3.200, in Duisburg sogar 13.000 Mitarbeiter. Walzstahl steht zwar noch auf der Produkte-Liste, aber längst hat man diversifiziert: Automotive Technology, Werkzeugbau, Kurbelwellen bis zu grünem Wasserstoff.

Die wichtigsten Arbeitgeber sind heute der Öffentliche Dienst, die Deutsche Post und die Deutsche Bahn, Wohnungsbaugesellschaften, die Versicherungswirtschaft sowie die Energiewirtschaft.

Auffällig sind die regionalen Schwerpunkte, die sich entwickelt haben. Dortmund hat sich zum Beispiel zum Versicherungszentrum entwickelt. Signal Iduna, die Continentale, die Volkswohlbund Versicherung sowie zahlreiche gesetzliche und private Versicherungen haben hier ihren Haupt- oder Nebensitz.

Mülheim an der Ruhr und Essen haben sich dank Aldi zum Handelszentrum entwickelt: Aldi Süd und Tengelmann sitzen in Mülheim, Aldi Nord in Essen.

Auch die Energiewirtschaft zieht es nach Essen. E.ON ist im Jahr 2016 sogar aus der Landeshauptstadt Düsseldorf in die Ruhrmetropole umgezogen. RWE war immer schon in Essen beheimatet. Das gilt auch für das Energie-Unternehmen Steag.

Mindestens genauso wichtig sind mittlerweile mittelständische Betriebe mit neuen Technologien. Die Ruhr-IHKs gehen aktuell davon aus, dass rund 80 Prozent der Arbeitnehmer heute im Dienstleistungssektor und nur noch rund 20 Prozent in der industriellen Produktion beschäftigt sind. Das kann man als gelungenen Strukturwandel feiern, zur Wahrheit gehört aber auch, dass das Ruhrgebiet immer noch dramatisch hohe Arbeitslosen-Zahlen verzeichnet. Im Juni 2022 lag die Quote zwischen Duisburg und Dortmund bei 9,1 Prozent. Das liegt deutlich über dem Bundesschnitt (5,2 Prozent) und über dem Durchschnitt in Ostdeutschland (6,5 Prozent). "Das Ruhrgebiet ist ein Bremsanker für das ganze Land NRW", urteilen die Forscher vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Ein Blick auf die Arbeitslosenzahlen einzelner Städte macht noch deutlicher, dass nicht alles, was weggebrochen ist, ersetzt werden konnte: Herne 10,5 Prozent, Dortmund 10,5 Prozent, Oberhausen 10,7 Prozent, Duisburg 12,3 Prozent und Gelsenkirchen 13,8 Prozent.

Diese Entwicklung hatten auch schon die Kruppianer befürchtet, als sie am 26. November 1987 den längsten Arbeitskampf in der deutschen Nachkriegsgeschichte starteten. Es ist zumindest eine Erklärung für die Vehemenz und die Intensität ihres Engagements: 90 Jahre lang hatte Krupp seinen Mitarbeitern - und damit Generationen von Familien - sichere Arbeitsplätze mit eigenen Werkswohnungen und Sozialeinrichtungen geboten. "Man war Kruppianer, von der Lehre bis zur Rente", meldete der WDR.

Über Nacht war das zu Ende: Plötzlich standen 5.300 Arbeitsplätze auf der Kippe. Die Argumente von Krupp-Chef Cromme prallten bei den Stahlarbeitern ab: "Wir können nicht jedes Jahr mehrere hundert Millionen D-Mark Verlust machen", verteidigte er seine Pläne. Krupp-Obermeister Helmut Laakmann führte den Widerstand an: "Wir werden diesen Vorstand in die Knie zwingen!" Die Kruppianer konnten sich der Solidarität der Duisburger Region sicher sein, das galt auch für zahlreiche Prominente wie Duisburgs Oberbürgermeister Josef Krings und die Tatort-Ikone Götz George alias Horst Schimanski.

Nach 160 Streiktagen gab es einen Kompromiss: Es wurde zunächst nur ein Hochofen stillgelegt. Das bedeutete zwar immer noch einen Abbau von 3.000 Arbeitsplätzen. Allerdings folgten keine Entlassungen - für ältere Mitarbeiter gab es einen Sozialplan, junge wurden in anderen Werken in der Nachbarschaft untergebracht.

1993 war dann endgültig Schluss. Im August wurde das Werk zugemacht. Heute steht an gleicher Stelle ein Logport - ein Logistikzentrum. Ein mit modernster Technologie ausgestatteter Container-Terminal. Die Zahl der Mitarbeiter liegt noch nicht mal bei zehn Prozent im Vergleich zum alten Unternehmen Krupp Rheinhausen.

Die Aufregungen um Rheinhausen haben Cromme nicht daran gehindert, parallel einen noch größeren Coup auszutüfteln - eine in Deutschland noch nicht erlebte feindliche Übernahme. Der hochverschuldete Krupp-Konzern wollte das profitable Hoesch-Unternehmen schlucken. Wichtigster Helfer dabei war der Banker Friedel Neuber, seine WestLB kaufte heimlich Aktien im Wert von über einer halben Milliarde D-Mark auf, um Cromme und Krupp so zu einer Mehrheit zu verhelfen.

Der Coup gelang. 10.000 Hoesch-Mitarbeiter standen vor der Entlassung. Heute sind auf dem Gelände der Westfalen-Hütte noch 1.300 Mitarbeiter beschäftigt. Warmband, das in Duisburg hergestellt wird, wird hier kaltgewalzt und verzinkt.

Das Ganze geschieht mittlerweile unter dem ThyssenKrupp-Dach, eine Fusion, die 1998 beschlossen wurde. Natürlich auf Initiative von Gerhard Cromme.

Der Autor war Stellvertreter des Chefredakteurs der Neuen Ruhr Zeitung Essen und Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung Ravensburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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