Inhalt

ERINNERUNG
Heinz Verfürth
Mörderrunde in feiner Villa

Vor achtzig Jahren wurde auf der Wannsee-Konferenz die »Endlösung der Judenfrage« besiegelt

In dichter Abfolge fuhren die dunklen Staatskarossen an der Auffahrt der pompösen Villa vor, mit der Adresse Am Großen Wannsee 56-58. Es war ein verschneiter Wintervormittag, nämlich Dienstag, der 20. Januar 1942. SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, als Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) einer der mächtigsten Männer des NS-Staates, hatte eine Reihe von gewichtigen NSDAP- sowie SS-Funktionsträgern und hohen Ministerialbeamten zu einer "gemeinsamen Aussprache" geladen. Er war gleichsam Hausherr im prachtvollen Anwesen mit eindrucksvollem Blick auf Berlins Sommeridylle Wannsee. Denn die vormalige Industriellenresidenz nutzte jetzt die SS als nobles Gästehaus.

»Gesamtlösung« Heydrich hatte, wegen einer Terminverschiebung, in einer zweiten Einladung gedrängt, dass die anstehenden Fragen "keinen längeren Aufschub zulassen" würden. Verharmlosend war von einer "Besprechung mit anschließendem Frühstück" die Rede, eine Tagesordnung lag nicht bei. Dennoch wusste der kleine Zirkel im Voraus, was Sache sein würde. Bereits zuvor hatte der hohe SS-Führer, seit 1939 "Chef der Sicherheitspolizei und des SD", seinen 15 Gästen mitgeteilt, dass er von Reichsmarschall Hermann Göring am 31. Juni 1941 einen besonderen Auftrag erhalten habe, nämlich "alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht für eine Gesamtlösung der Judenfrage in Europa zu treffen und ihm in Bälde einen Gesamtentwurf hierüber vorzulegen". Auch hieß es, dass "seit dem 15.10. 1941 bereits in laufenden Transporten Juden aus dem Reichsgebiet und dem Protektorat Böhmen und Mähren nach dem Osten evakuiert werden".

So war es denn Heydrich selbst, der am Wannsee das große Wort führte. Er eröffnete die Konferenz mit der Feststellung, dass er bei der "Endlösung" der europäischen Judenfrage "Klarheit in grundsätzlichen Fragen" schaffen, zugleich die "gemeinsame Behandlung aller an diesen Fragen unmittelbar beteiligten Zentralinstanzen" erreichen wolle. In seinem Vortrag, zusammengestellt von seinem Judenreferenten Adolf Eichmann, der auch das 15-seitige Protokoll der Sitzung verfasste, konstatierte er, dass die bisherige Linie der NS-Judenpolitik beendet sei, nämlich die forcierte Auswanderung der Juden. Als "weitere Lösungsmöglichkeit" sei an ihre Stelle nun die "Evakuierung der Juden nach Osten" getreten. Über die Dimension dieser Endlösung ließ Heydrich die Geladenen nicht im Unklaren: Es kämen rund elf Millionen Juden in Betracht. Eine lange Liste schlüsselt diese enorme Zahl genau auf, von Altreich und Ostmark über Litauen, Dänemark sowie Finnland, Portugal und der Schweiz bis zur Sowjetunion, Spanien und der Türkei - dabei auch Länder, die die Nazis noch gar nicht besetzt hielten. Europa werde bei der Durchführung "von Westen nach Osten durchkämmt".

»Natürliche Verminderung« Das zugedachte Schicksal für die aufgegriffenen und evakuierten Juden verschwieg Heydrich seinen Zuhörern keineswegs, wie das Protokoll verzeichnet: "Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird." Diese Aussage dokumentiert, dass das berüchtigte SS-Programm "Vernichtung durch Arbeit" ein originär-erbarmungsloser Bestandteil des Massenmordes an den Juden war.

Doch damit gab sich Heydrich noch nicht zufrieden. Schließlich wollte er sich, von der rassistischen Nazi-Ideologie durchdrungen, als radikaler Protagonist einer totalen Vernichtung profilieren. Deshalb vermerkt das Protokoll weiter: "Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist." Die Passage ist wohl die brisanteste Aussage in diesem Dokument des Schreckens. Zwar bedient sie sich eines verklausulierenden und damit verharmlosenden Sprachduktus, indem lediglich von "Behandeln" die Rede ist. Aber es ging schlicht ums Morden. Eichmann hat später, nämlich bei seinem Prozess in Jerusalem, zugegeben, dass während der Konferenz von "Töten, Eliminieren, Vernichten" gesprochen worden sei, auch wenn solche Vokabeln im Protokoll fehlen. Denn sein Chef habe den Entwurf so lange redigiert, bis der Text seinen Vorstellungen und Absichten entsprochen habe.

Harte Linie Das gilt wohl auch für jene Einzelheiten, die die Wannsee-Runde ausgiebig erörterte: das Verfahren für Halbjuden und Mischehen bei den "Evakuierungen". Hier plädierte Heydrich ebenfalls, ganz im Sinne der Nürnberger Rassegesetze, für unnachgiebige Hatz bis ins ferne Glied. Und es gelang ihm, die Ministerialbeamten auf seine harte Linie zu ziehen.

Nach gut 90 Minuten war an diesem Wintertag in der Wannsee-Villa alles vorüber. Heydrichs Befürchtungen, auf Kontroversen, gar Widerstände gegen die Deportationspläne und Mordagenda zu treffen, vor allem bei den Vertretern der Ministerien, erfüllten sich nicht. Im Gegenteil: Die Atmosphäre muss während der Beratungen recht entspannt gewesen sein, folgt man späteren Darstellungen Eichmanns. Denn er erwähnte nicht nur "eine freudige Zustimmung allseits", sondern sogar "Übertreffendes und Überbietendes im Hinblick auf die Forderung zur Endlösung der Judenfrage". Einige als vorsichtig und zaudernd eingeschätzte Beamte hätten sich "mit einem ungewohnten Elan" offenbart. So ist zur Schau gestellte Zufriedenheit dieser SS-Größe kaum verwunderlich. Nach Beendigung der Konferenz, so erzählte nämlich Eichmann, hätten sich sein Vorgesetzter sowie Gestapo-Chef Heinrich Müller und "meine Wenigkeit" vor einem Kamin "gemütlich" versammelt, Cognac trinkend und Zigarren rauchend. Man habe "friedlich" zusammen gesessen, "nicht um zu fachsimpeln", sondern um sich nach anstrengenden Stunden "der Ruhe hinzugeben".

Über die Bedeutung der Wannsee-Konferenz haben viele Historiker lange gestritten. Dabei standen zwei komplexe Fragen im Mittelpunkt. Einmal: Wie und wann hat Hitler den Befehl zur "Endlösung der Judenfrage" gegeben? Dann: Muss das Treffen vom 20. Januar 1942 als der Beginn des Völkermords an den Juden datiert werden? Beides führt nicht weiter. Einen Nachweis über einen ausführlichen, gar schriftlichen Befehl Hitlers zur Vernichtung der Juden gibt es bis heute nicht. Immer wieder hatte Hitler mit der Auslöschung der Juden gedroht, wusste also, was geschah.

Zudem hat sich die NS-Judenpolitik im Jahr 1941 erheblich radikalisiert. Nach Hitlers militärischem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 beginnen sofort SS-Einsatzgruppen hinter der Front mit Massenmorden an Juden. Sie summieren sich zuletzt auf 900.000. Im Juli gibt Göring den Auftrag zur "Endlösung". Seit September 1941 müssen Juden den gelben Stern tragen. Im Oktober folgt das Ausreiseverbot. Gleichzeitig beginnen aus dem Reichsgebiet die Deportationen in den Osten. Der Aus- und Neubau von Konzentrationslagern wird forciert, neben Auschwitz und Chelmno eben Belzec, Sobibor, Majdanek, Treblinka. Daneben laufen Experimente mit Tötung durch Gas. Der Historiker Mark Roseman sieht daher in der Wannsee-Konferenz nur "eine nachträgliche Kodifizierung eines bereits laufenden Programms". Der Vernichtungskrieg im Osten läuft synchron mit dem Juden-Genozid.

In dieser vielschichtigen Gemengelage, typisch für die NS-Bürokratie, verfolgte Heydrich als Initiator der Wannsee-Konferenz zwei Ziele: Er wollte die "Federführung bei der Endlösung", so Roseman, beim Reichsführer SS, Heinrich Himmler, und beim Reichssicherheitshauptamt, also seiner eigenen Behörde, sichern, "ungeachtet der geographischen Grenzen in Europa". Es sei ihm um "die Erweiterung seiner Machtvollkommenheit, seiner Machtbefugnis" gegangen, so die Erklärung Eichmanns.

Mitwisser Der zweite Aspekt war nicht weniger signifikant: Indem Heydrich die Vertreter anderer Behörden, vor allem aus der Zivilverwaltung, in Koordination und Kooperation mit dem RSHA zwang, habe er sie "zu Mitwissern und Mitverantwortlichen" an der "Endlösung" gemacht, meint der Historiker Peter Longerich; über das Protokoll seien sie auf "die Grundsätze der künftigen Politik der Vernichtung" festgelegt worden.

Die "Endlösung", für die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 ein referentielles Datum darstellt, gehört daher für Longerich in das Zentrum der Interpretation des "Dritten Reiches". Denn bei der Ermordung der europäischen Juden habe es sich "um das eigentlich historisch Besondere und Einzigartige an der NS-Diktatur" gehandelt. Daher erscheine es auch angemessen, argumentiert Longerich weiter, "diesen historischen Vorgang als das zentrale Thema der Geschichte des 'Dritten Reiches' wahrzunehmen und den Genozid nicht als bloße Funktion, Nebeneffekt oder Konsequenz anderer historischer Phänomene dieser Zeit abzuleiten".

Genau da liegen aktuell die Probleme. Denn seit einiger Zeit liefern sich eine Reihe von Historikern der postkolonialen Studien und Intellektuelle heftige Kontroversen über die Bedeutung des Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur. Unter Hinweis auf die zahlreichen Völkermorde während der Epoche des Imperialismus und des Kolonialismus bestreiten sie die Singularität des Judenmords durch Nazi-Deutschland und ordnen ihn stattdessen in eine lange Kette von Verbrechen und Exzessen bei Eroberung, Sklaverei und Ausbeutung europäischer Mächte in Afrika, Asien und Amerika ein. Typisch die Einlassung des australischen Genozidforschers Dirk Moses: "Der Holocaust ist Teil vieler Geschichten: des Antisemitismus, der massenhaften Versklavung, von Aufständen in den Kolonien und von Vertreibungen." Neben Moses sind als Protagonisten solcher historischen Deutungen der amerikanische Kulturwissenschaftler Michael Rothberg, der kamerunische Philosoph Achille Mbembe, der Hamburger Afrika-Historiker Jürgen Zimmerer zu nennen. Ebenso der Berliner Autor Per Leo., der "das Geschwätz von der Singularität des Holocaust" als ein "Symptom der Maßlosigkeit" bezeichnet.

Der staatlich geplante und fabrikmäßig vollzogene Genozid an den europäischen Juden durch Nazi-Deutschland macht indes die Einmaligkeit des Holocaust aus. Das muss unumstößlicher Bestandteil deutscher Erinnerungskultur bleiben, will diese Republik nicht ihre moralische Legitimation riskieren.

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag