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Afghanistan
Stefanie Glinski
In ständiger Angst

Noch immer sind Tausende Ortskräfte und ihre Familien ohne Hoffnung auf Ausreise im Land

Erst im Januar hat sich Zabi* auf die gefährliche Reise gewagt. Um einen neuen Reisepass beantragen zu können, musste der 30-Jährige in seine Heimatprovinz Ghazni, knapp drei Autostunden von der Hauptstadt Kabul entfernt, fahren. Er war angespannt, selbst auf dem Rückweg im öffentlichen Kleinbus kam er nicht zur Ruhe. Nach einer halben Stunde Fahrt quietschten die Bremsen; die Schiebetür sprang ruckartig auf und zwei bewaffnete, bärtige Männer stiegen ein, quetschten sich auf die Rücksitze und wiesen den Fahrer an weiterzufahren. Zabi schob sein Handy tief in das Sitzkissen des Busses, keinesfalls durften die Taliban seine E-Mails oder abfotografierten Dokumente sehen. Die beiden Talibs waren misstrauisch. Eine gute Stunde später, in der Hauptstadt der Wardakprovinz, forderten sie Zabi auf, auszusteigen. Es folgte eine dreistündige, einschüchternde Befragung auf der Polizeistation. ,,Hinter verschlossenen Türen durchsuchten sie mein Gepäck und meine Hosentaschen. Immer wieder wollten sie wissen, warum ich kein Handy an mir trug; immer wieder fragten sie mich nach meinem Beruf", erinnert sich Zabi. Stunden später - es war bereits dunkel - wurde er entlassen; ununterbrochen hatte der Fahrer des Minibusses darum gebeten. Er hatte auf ihn gewartet und sein Handy aufbewahrt.

»Wie im Gefängnis« Seither hat der zweifache Familienvater, der vor der Machtübernahme durch die Taliban in Vollzeit als Ortskraft für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gearbeitet hatte und den Pass für die Ausreise aus Afghanistan braucht, panische Angst. "Schlimmes hätte mir gedroht, wenn die Taliban herausgefunden hätten, dass ich für die GIZ gearbeitet habe", sagt er. Er traut sich seither kaum nach draußen. Seine sechsjährige Tochter und sein dreijähriger Sohn dürfen schon seit August das Haus nicht mehr verlassen. Es sei wie ein Gefängnis für die Kinder, gibt er zu, doch die Sicherheit gehe vor.

Nach Angaben des Auswärtigen Amts von Ende Januar hat die Bundesregierung bis Mitte des Monats rund 20.400 Aufnahmezusagen für frühere afghanische Ortskräfte und deren Angehörige sowie Menschenrechtsaktivisten und weitere besonders schutzbedürftige Menschen ausgestellt. Von den bisher etwa 4.700 gemeldeten ehemaligen Ortskräften in Afghanistan seien etwa 1.600 nach Deutschland eingereist, viele weitere Menschen, denen Aufnahmezusagen gemacht wurden, befänden sich in Drittstaaten wie Pakistan. Darunter sind auch 4.000 Menschen, die in den vergangenen Wochen dank eines Abkommens zwischen der deutschen Regierung und Pakistan ohne Reisepass und nur mit der Tazkira, dem afghanischen Identitätsdokument, in das Nachbarland fliehen durften. Doch noch immer warten Tausende in Afghanistan auf eine Ausreisemöglichkeit. Und leben wie Zabi in ständiger Angst.

Der 30-Jährige war am Kapazitätsaufbau des afghanischen Arbeitsministeriums beteiligt, die GIZ hatte ihn dafür als Einzelgutachter ohne dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis angestellt. Damals war das für Zabi in Ordnung, heute könnte es ihm zum Verhängnis werden. Sechs Monate nach der Machtübernahme der Taliban und dem Ende der Evakuierungsmission der Bundeswehr am 28. August 2021 gibt es seitens der Bundesregierung keine klaren Antworten auf die Frage, ob Berater wie Zabi Anspruch auf eine Evakuierung haben. Alle notwendigen Dokumente habe er per Mail nach Deutschland geschickt, die Originale verbrannt, berichtet er. Und wartet weiter auf eine Bestätigungs-Mail der Abteilung Ortskräfteverfahren (OKV) der Bundesregierung.

In seinem Heimatland hat sich die Lage seit August extrem verschlechtert. Im Zuge der Inflation und einer schweren Wirtschaftskrise haben nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens eine halbe Million Menschen ihre Arbeit verloren. Viele können sich Lebensmittel nicht mehr leisten und hungern. Dazu kommt, dass unter der Taliban-Herrschaft 80 Prozent weniger an ausländischen Hilfsgeldern fließt - sie hatten zuvor zu 43 Prozent zum afghanischen Bruttoinlandsprodukt beigetragen. Weil mehr als sieben Milliarden US-Dollar der afghanischen Zentralbank auf US-Konten eingefroren sind, haben viele Menschen keinen Zugang zu ihren privaten Ersparnissen.

US-Präsident Joe Biden teilte vergangene Woche mit, dass die Gelder nicht zurückgegeben werden sollen. 3,5 Milliarden US-Dollar sollen vielmehr an Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 gespendet werden. Die Afghanen sind empört und fühlen sich bestohlen.

Der afghanische Ökonom Haroun Rahimi prophezeit dem Land eine düstere Zukunft. "Die ehrliche Antwort ist, dass selbst die Taliban nicht viel tun können, wenn die Sanktionen weiter anhalten. Keine Regierung könnte das. Im Moment braucht die Gruppe vor allem Geld und internationale Anerkennung." Doch dieses Szenario sei unwahrscheinlich.

Komplizierte Einzelfälle Auch Theresa Breuer, Mitbegründerin der Rettungsinitiative "Kabul Luftbrücke", berichtet, dass den auf Evakuierung wartenden Menschen das Geld ausgehe. Außerdem gebe es viele komplizierte Einzelfälle. ,,Beispielsweise Familien, die in den vergangenen Monaten ein Kind bekommen haben. Dessen Name steht natürlich nicht auf einer Evakuierungsliste." Breuers Vorwurf: "Solche schwierigen Fälle hat uns die Bundesregierung regelrecht hinterlassen."

Seit August hilft die spendenfinanzierte Initiative bei der Evakuierung von Menschen aus Afghanistan. Bis Ende Dezember hat sie laut eigenen Angaben mehr als 1.500 Menschen bei ihrer Flucht unterstützt. Die Zusammenarbeit mit der Bundesregierung laufe "schleppend", kritisiert Breuer. "Es gibt viele bürokratische Hürden, die in Afghanistan ganz konkret Menschenleben gefährden."

Etwa das von Habib*. Er arbeitete 19 Jahre lang in der nordafghanischen Stadt Mazar-e-Sharif, wo die Bundeswehr zwischen 2005 und 2021 stationiert war, für eine deutsche Organisation, die finanziell von der GIZ unterstützt wurde. Eine Bestätigung der Bundesregierung, mit seiner Frau und den vier Töchtern nach Deutschland reisen zu dürfen, hat er zwar bereits. Doch war es ihm monatelang nicht möglich, einen Pass für seine jüngste Tochter zu beantragen. ,,Das Bürgeramt hatte lange geschlossen und so steckten wir fest", erklärt Habib. Von der GIZ wurde ihm geraten, nach Pakistan zu reisen, um von dort nach Deutschland evakuiert zu werden. Aber er bekam keine weitere Unterstützung. Auch auf der Liste der 4.000 Menschen, die ganz ohne Pass nach Pakistan reisen durften stand er nicht.

Der Reisepass kam Anfang Februar endlich an, nachdem die Familie 300 US-Dollar Bestechungsgeld gezahlt hatte. Habibs Frau Narges* berichtet, die vergangenen Monate seien "von Trauer, Depressionen und tiefer Angst" geprägt gewesen. Ihr Haus habe die Familie nur mit Maske verlassen. ,,Nicht wegen Covid 19", sagt sie. "Wir haben Angst davor, entdeckt und womöglich von den Taliban verhaftet zu werden." Eine begründete Sorge: In den vergangenen Monaten kam es in Mazar-e-Sharif zu zahlreichen Entführungen und Ermordungen. Oft waren Menschen betroffen, die für die ehemalige Regierung oder internationale Organisationen gearbeitet hatten. Die Taliban streiten ab, daran beteiligt gewesen zu sein.

Illegale Ausreisen Viele ehemalige GIZ-Mitarbeiter nähmen ihr Schicksal inzwischen in die eigene Hand, sagt Theresa Breuer. Sie reisten illegal nach Pakistan oder in den Iran. Eine Lösung, betont sie, wäre eine Art "Visa-on-Arrival" - Visa bei der Ankunft. Damit könnten Familien auch ohne Pass direkt aus Kabul evakuiert werden. ,,Aber dagegen ist natürlich das Bundesinnenministerium, das sieht es als zu riskant an."

Während die Ausreise für Habib nur noch eine Frage der Zeit ist, sieht die Zukunft für Zabi unsicherer aus. Er hofft weiterhin auf eine positive Rückmeldung der Bundesregierung. ,,Jeder Abschied ist schmerzhaft, auch der von der Heimat", sagt Zabi. "Trotzdem hoffe ich auf eine Zukunft, in der meine Kinder frei leben können, ohne dass ihre Rechte und Werte bedroht werden. Jahrelang habe ich mich für die Arbeit der GIZ eingesetzt. Ich hoffe, dass sie sich nun für mich einsetzen."

Die Autorin ist freie Journalistin in Kabul.

* Aus Sicherheitsgründen wurden alle Namen geändert.

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