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IRAK
Birgit Svensson
Warten auf den Neuanfang

Nach der Vertreibung durch den IS hoffen viele Jesiden auf Rückkehr in ihre Heimat, doch die ist unsicher

Baugerüste stehen überall, an jeder Ecke wird gehämmert, geputzt und verschönert: Lalisch, das Heiligtum der Jesiden mit seinen kegelförmigen Türmen, wird gerade von Grund auf renoviert, auch neue Unterkünfte für Pilger entstehen hier, gut 60 Kilometer entfernt von Mossul im Nordosten des Iraks. Für die Jesiden, eine ethnisch-religiöse Gruppe mit weltweit gut einer Million Mitgliedern, ist Lalisch der heiligste Ort und Zentrum der Schöpfung. Während der schlimmsten Zeit ihrer jüngeren Geschichte, der Verfolgung durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), suchten hier Tausende Zuflucht und Trost.

Systematische Verfolgung Seit Jahrhunderten sind Jesiden immer wieder Verfolgungen ausgesetzt, doch der IS-Terror übertraf fast alles: 2014 hatte die Miliz das Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden in Sinjar überfallen und systematisch entvölkert. Das Gebiet liegt in der Provinz Ninewa, gut 200 Kilometer westlich der Kurdenmetropole Erbil, nahe der Grenze zu Syrien. Von dort kamen die Dschihadisten im Morgengrauen des 3. August und überfielen die Stadt Sinjar und umliegende Dörfer. Laut den Vereinten Nationen (VN) wurden in den Jahren des IS-Kalifats von 2014 bis 2017 bis zu 5.000 Menschen ermordet, 7.000 verschleppt und versklavt. Hunderttausende wurden aus der Heimat vertrieben. Verbrechen, die der Bundestag nun als Völkermord anerkannt hat (siehe auch Text unten).

Zehntausenden aus dem Distrikt Sinjar gelang damals zwar die Flucht ins Gebirge, dort wurden sie jedoch von IS-Kämpfern eingekesselt. Tagelang harrten die Menschen dort aus, ohne Wasser und Nahrung. Einige, vor allem ältere, starben. Am 8. August griffen die USA in das Geschehen ein, bombardierten Stellungen der Dschihadisten und schickten über eine Luftbrücke Wasser und Nahrung. Der kurdischen Miliz YPG, eine Schwesterorganisation der PKK, gelang es schließlich, die Eingeschlossenen zu befreien. Die Kämpfer bahnten einen Weg über die Berge nach Syrien und in die kurdischen Autonomiegebiete nahe der Stadt Dohuk. Lager wurden errichtet, um die völlig ausgezehrten Menschen aufzunehmen. Doch nach der Rückeroberung Sinjars im November 2015 bot sich ein Bild des Schreckens: Ein Massengrab mit den Leichen von 78 jesidischen Frauen wurde gefunden. Medien berichteten Wochen später von mindestens neun Massengräbern mit jesidischen Opfern in der Region. Der Bürgermeister Sinjars sprach von 10.000 Menschen, von denen jede Spur fehle. Bis heute gelten noch mehr als 3.000 Jesiden als vermisst.

Lalisch, etwa 180 Kilometer nordöstlich von Sinjar, blieb unversehrt. Doch dass die Zerstörung ihres Heiligtums von Anfang an das Ziel der Dschihadisten war, darin sind sich die Jesiden einig. Dass Lalisch bald schon wieder in neuen Glanz erstrahlen soll, macht vielen von ihnen Hoffnung - so wie einer Familie, die heute in Deutschland wohnt, aber zurückgekommen ist, um den Tempel zu besuchen: "Wir brauchen jetzt einen Neuanfang, nach all dem, was geschehen ist", sagt der Vater.

Leben in Camps Auf einen Neuanfang warten viele Jesiden im Irak. Der IS gilt zwar als militärisch besiegt. Aber noch immer, mehr als acht Jahre nach der Invasion der Terrormiliz, leben rund 300.000 Jesiden als Binnenflüchtlinge in Camps in der Autonomen Region Kurdistan im Norden des Iraks. In ihre Heimat Sinjar können sie bis heute nicht einfach zurück, ganze Dörfer sind zerstört, die Situation ist weiterhin unsicher.

"Die Lage in Sinjar ist unendlich kompliziert", sagt Dawood Shamoo. Er ist Jeside und stammt ursprünglich aus Dohuk. Heute arbeitet er in Bagdad, doch hat er noch immer gute Kontakte nach Sinjar, wo auch viele seiner Familienmitglieder lebten, bis der IS sie bedrohte und umbrachte.

Manche Familien, berichtet Shamoo, seien aus den Flüchtlingslagern in die Heimat zurückgekommen. "Doch viele haben immer noch Angst". Der Grund: Es gäbe zu viele Machtspiele um die Kontrolle der einstigen Jesidenstadt. Die irakischen Sicherheitskräfte kämpften gegen die kurdische Autonomieregierung in Erbil - und die Volksbefreiungskräfte, zu denen auch jesidische Milizionäre gehörten, arbeiteten zusammen mit der kurdischen YPG, die wiederum der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bekämpft. "In diesem Chaos wollte sich die irakische Armee positionieren und Stärke zeigen."

Anfang Juni 2022 startete sie eine Militäroperation. Die Folge allerdings: Viele der zurückgekehrten Jesiden seien erneut geflüchtet, "weil sie fürchteten, zwischen die Mühlen der unterschiedlichen Kräfte zu geraten", sagt Shamoo. Nicht zu Unrecht: Im November bombardierte die türkische Armee mehrere Ziele im Irak, darunter auch Sinjar, wo sie die YPG vermutete. Ankara sieht die YPG als Terrororganisation an und macht sie für den jüngsten Anschlag Anfang November in Istanbul verantwortlich.

Unter diesen Umständen sei es schwierig, Fuß zu fassen und sich eine neue Existenz aufzubauen, sagt auch Ali Simoqy, der selbst aus Sinjar stammt und dort lange für die Vereinten Nationen gearbeitet hat. Anfang 2021 habe das irakische Parlament in Bagdad ein Gesetz verabschiedet, das die Gräueltaten des IS an den Jesiden als Völkermord anerkennt und ihnen - sowie auch anderen Minderheiten wie den ebenso verfolgten Christen - Schutz und Unterstützung zusagt, erzählt er. Aber die Umsetzung stehe noch ganz am Anfang. Ein erstes Büro, eine Anlaufstelle für Opfer, sei in Mossul eröffnet worden. Über ein Online-Portal könnten Überlebende Schadensersatz beantragen, weiß Simoqy. Von gezahlten Zuwendungen habe er allerdings noch nicht gehört.

Erlaubnis zum Landbesitz Neue Hoffnung bringt ein Ende Dezember verabschiedetes Gesetz der irakischen Regierung über den Besitz von Immobilien in Sinjar. Tausende Jesiden bekommen damit das Recht, Land zu besitzen, was ihnen seit 1975 verwehrt war. Auch unter dem Regime von Saddam Hussein wurden sie diskriminiert und ihrer Rechte beraubt.

Das neue Gesetz sei ein klares Zeichen der irakischen Regierung zum Schutz "unserer geschätzten jesidischen Gemeinschaft in Sinjar und der Provinz Ninewa", erklärte Premierminister Mohammed Shia al-Sudani zur Entscheidung des Parlaments. Die Umsetzung soll zusammen mit Habitat, dem Wohn- und Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen, erfolgen. Doch ob sie gelingt, wird nicht zuletzt auch davon abhängen, ob die Machtkämpfe in der Region befriedet werden können.

Die Autorin berichtet als freie Korrespondentin aus dem Irak.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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