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Rick Noack
Bis nichts mehr rein passt

Alkohol Jugendliche haben 2008 statistisch weniger getrunken als in den Vorjahren - trotz exzessiver Partys

Ein Fall, wie gemacht für Medien und Politik: 52 Gläser Tequila soll der 16-jährige Lukas W. getrunken haben, um seinem Gegenüber, Kneipenwirt Aytac G. (26), im Alkohol-Wetttrinken zu besiegen. Vier Wochen lag der Berliner Schüler im Koma, im März 2007 starb er. Die Folge: Eine große öffentliche Debatte um sogenannte "Flatrate-Partys" und Jugendliche außer Kontrolle. "Komasaufen ist neuer Jugendtrend", titelte etwa die "netzeitung" im Mai 2008, als der Prozess gegen Aytac G. begann.

Das stimmt nicht unbedingt. Zwar ist Alkohol immer noch das am weitesten verbreitete Suchtmittel bei Jugendlichen. 2008 ist der Alkoholkonsum von Jugendlichen jedoch gesunken, nachdem er 2007 mit 154,2 Gramm Durchschnittskonsum pro Woche kurzzeitig ein Rekordhoch erreicht hatte. Das geht aus dem aktuellen Drogenbericht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) hervor. Dreiviertel der Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren gaben 2008 an, schon einmal Alkohol getrunken zu haben. Hatten 2004 noch 21,2 Prozent der Jugendlichen mindestens einmal in der Woche Alkohol konsumiert, sind es inzwischen 17,4 Prozent. Allerdings dürfen die meisten dieser Konsumenten laut Gesetz noch gar keinen Alkohol trinken. Das hat einen guten Grund: Der BzgA zufolge sollen erwachsene Männer täglich nicht mehr als 24 Gramm Alkohol zu sich nehmen, bei Frauen liegt der Wert bei zwölf Gramm. Jugendliche können bei wesentlich geringeren Mengen Schäden davon tragen.

Weniger Alcopops

Grundsätzlich trinken Mädchen weniger als Jungen. 21,8 Prozent der Jungen gaben an, 2008 mindestens einmal die Woche Alkohol zu trinken, bei den Mädchen waren es 12,8 Prozent. Gleich ist bei beiden Geschlechtern die generelle Tendenz des Alkoholkonsums, die scheinbar eine Wellenbewegung vollzieht: Nachdem 2003 erstmals Erfolge bei der Eindämmung des jugendlichen Alkoholkonsums verzeichnet werden konnten, folgte 2005 die Wende: Der Alkoholkonsum nahm zu. Von 2005 bis 2007 stieg der Konsum um etwa 50 Gramm Alkohol bei männlichen Jugendlichen. Gleichzeitig nahm seit 2005 das "Binge-Drinking" - Rauschtrinken - zu. Darunter versteht die BzgA Partys, bei denen Jugendliche fünf Gläser Alkohol oder mehr zu sich nehmen. Nur der Konsum von Alcopops, einer Mischung aus starken Alkoholika und Fruchtsäften, und Wein ist dauerhaft rückläufig. Die Bundesregierung hat das als ihren Erfolg verbucht: "Nach Einführung der Sondersteuer auf spirituosenhaltige Alcopops ist die Häufigkeit des monatlichen Konsums dieser Getränke innerhalb eines Jahres deutlich zurückgegangen", heißt es in einem Kurzbericht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die die Entwicklungen von 2003 bis 2007 zusammenfasst.

Auch beim sogenannten Komasaufen ist inzwischen viel getan worden: Seit kurzem sind "Flatrate-Partys" und "Binge-Drinking" in Deutschland verboten. Bei aller Sorge um die "verdorbene Jugend" sei noch auf eines hingewiesen: Laut BzgA nehmen acht Prozent der Jugendlichen täglich eine höhere Menge Alkohol zu sich. 92 Prozent tun es also nicht. Knapp 55 Prozent der Jugendlichen waren nach eigener Aussage abstinent, 37 Prozent betrieben "risikoarmen Konsum". Schicksale wie die des 16-jährigen Berliners werden wohl auch weiterhin Einzelfälle bleiben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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