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Ulrike Claßen
Auf der Suche nach Gott

Glaube Wo findet man ihn heute? Auf der Straße oder dem Schulhof, in der Disko oder nur in der Kirche?

Straßen voller junger Menschen, die singend und tanzend durch die Stadt ziehen, begeisterte "Benedetto, Benedetto"-Rufe -auf der Suche nach dem "Glauben der Jugend" kommen Erinnerungen an die vergangenen Weltjugendtage auf. Schier unüberschaubare Massen Jugendlicher, die gemeinsam mit Papst Benedikt XVI. die Heilige Messe feierten. Die Erinnerungen an den Weltjugendtag in Köln 2005 und den Weltjugendtag in Sydney 2008 sind bunt, vielfältig, fröhlich. Sie transportieren die Botschaft einer papstbegeisterten, gläubigen Jugend. Doch wo sind all diese Jugendlichen jetzt? Der nächste Weltjugendtag, auf dem sie als große Gemeinschaft sichtbar werden können, findet erst 2011 in Madrid statt. Was treibt die gläubige Jugend in der Zwischenzeit?

Erster Versuch: auf der Straße. Die Suche vor der Haustür ist nicht gerade erfolgreich. Meist kommt keine Antwort, oft Gelächter, manchmal unsicheres Kichern, selten schon mal der Hinweis: "Religion ist meine Privatsache, darüber will ich nicht reden."

Zweiter Versuch: Disko. Schon die dröhnende Musik macht es zu einem äußerst schwierigen Unterfangen, eine mehrsilbige Frage überhaupt zu Gehör zu bringen. Spätestens beim Wort "Glauben" drehen fast alle ab. Zumindest ein kleiner Blonder brüllt gegen die wummernden Bässe an: Glauben sei schon ein wichtiges Thema für ihn, aber die Disko sei doch ein Ort des Feierns und nicht des Quatschens und Denkens.

International und lebendig

Dritter Versuch: Schulhof. Nach mehreren wenig ergiebigen Antworten endlich ein Erfolg: "Ja", sagt Lisa, 17 Jahre alt, "ich glaube an Gott." Ihre Familie sei katholisch, erzählt sie, in der örtlichen Kirchengemeinde verwurzelt, seit ihrer Kommunion mit neun Jahren sei sie Messdienerin gewesen. Mit einer Jugendgruppe aus ihrer Gemeinde war sie 2005 auch beim Weltjugendtag in Köln. "Da hat man gemerkt, wie international und lebendig die Kirche ist. Ein tolles Erlebnis", sagt Lisa. Sie denkt gerne daran zurück.

Letzter Versuch: die örtliche Kirche. Zwischen den überwiegend grauen Köpfen fin-den sich in der Sonntagsmesse zwei katholische Jungen, die über sich und ihren Glauben zu erzählen bereit sind: Pascal, 17, und Dennis, 16. Sie werden bald in ihrer Heimatstadt Hamm in Westfalen das katholische Sakrament der Firmung empfangen, mit dem der Firmling durch den Heiligen Geist gestärkt werden soll.

Der Shell-Jugendstudie von 2006 zufolge ist zwar die Mehrheit der Jugendlichen immer noch konfessionell gebunden, nimmt also beispielsweise an Kommunion, Firmung und Konfirmation teil, aber nur 30 Prozent bezeichnen sich als wirklich gläubig.

Die Untersuchung unterteilt die Jugend in drei große Gruppen: Im Westen der Bundesrepublik herrscht eine Art Religion-light vor: Jugendliche die kirchennah, aber dennoch sehr unsicher sind, was ihren Glauben angeht. Sie üben deutliche Kritik an der Institution Kirche. In den östlichen Bundesländern dagegen bezeichnen sich 72 Prozent der Jugendlichen als überhaupt nicht gläubig. Die dritte Gruppe sind die Migranten, die stärker religionsverwurzelt sind; 56 Prozent von ihnen geben an, sehr stark religiös zu sein.

Der Kirche zugehörig

Dennis und Pascal gehören demnach zur Gruppe "Religion-light". Jetzt, während der Firmvorbereitung, spielen Kirche und Glauben in ihrem Leben eine regelmäßige und wichtige Rolle. Auch sonst fühlen sie sich der Kirche durchaus zugehörig. Dennis, der gerade eine Ausbildung im Elektronikbereich macht, achtet darauf, mindestens einmal pro Monat in die Kirche zu gehen. Sein Glaube wurde stark von seinen Eltern beeinflusst und ist fester Bestandteil seines Lebens.

Pascal fühlt keine Verpflichtung, regelmäßig in die Kirche zu gehen. Er gehört zur großen Masse derjenigen, die nur an den hohen kirchlichen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern, die Heilige Messe feiern. Pascal hat neben dem Elternhaus auch durch den Besuch einer konfessionellen Schule, viel über den Glauben und die Kirche gelernt. Pascal und Dennis sagen, dass sie versuchen, aus der Predigt des Pfarrers etwas mitzunehmen. Das gelingt besonders gut, wenn dieser über Themen redet, die die Jugend gerade beschäftigt - etwa über den Umgang mit Mitmenschen oder mit Ängsten. Sobald sie die Kirchentüren hinter sich gelassen haben, spielen wieder Hobbys, Freunde, Schule und Ausbildung eine wichtigere Rolle. Über den Gottesdienst wird im Nachhinein eigentlich nicht mehr nachgedacht, erzählen die beiden.

Trotzdem sind die Gedanken an Gott nicht bis zum nächsten Kirchenbesuch verschwunden. Dennis etwa spricht jeden Abend vor dem Einschlafen ein individuelles Gebet, in dem er sich hauptsächlich mit den Dingen, die am nächsten Tag passieren sollen und seinen Wünschen auseinandersetzt. Er bittet etwa um Beistand für gute Noten. Eine Aussage, die Pascal verwundert: "Ich kenne tägliches Beten nur von meinen Großeltern", sagt er. Zu ihm passe das nicht. Allerdings betet auch er gelegentlich, beispielsweise wenn eine wichtige Prüfung für das vor ihm liegende Fachabitur anstehe.

Besondere Inszenierung

In ihrem Buch "Megaparty Glaubensfest" kommt die Forschungsgemeinschaft Weltjugendtag der Universitäten Bremen, Dortmund, Koblenz und Trier zu dem Ergebnis, dass der Weltjugendtag eine besondere Inszenierung war, die stark auf die Person des Papstes ausgerichtet wurde. Dies habe den besonderen Charakter des Weltjugendtages ausgemacht. Die Shell-Jugendstudie belegt passend dazu, dass 69 Prozent der Jugendlichen der Kirche prinzipiell wohlwollend gegenüberstehen. Sie finden es gut finden, dass es die Kirche gibt.

Die Begeisterung für solche Ereignisse und für den Papst bedeutet aber nicht, dass alle teilnehmenden Jugendlichen mit den Wertvorstellungen der Kirche einverstanden sind. Die katholische Kirche und mit ihr der Papst sind beispielsweise gegen Verhütung und gegen Sex vor der Ehe. Regeln, die Befragungen auf dem Weltjugendtag zufolge, im Leben der meisten Weltjugendtagsteilnehmer keine Bedeutung haben. Sie haben sich ein eigenes Religionsmodell geformt, in dem einige, für die Kirche wichtige, Punkte bewusst ignoriert werden.

Deutlich wird diese eigene Vorstellung auch in der starken Kirchenkritik: 68 Prozent der Jugendlichen finden laut Jugendstudie, dass sich die Kirche ändern müsse, wenn sie eine Zukunft haben will. Und 65 Prozent sagen sogar, die Kirche habe keine Antwort auf die Fragen, die junge Menschen wirklich bewegten.

Die Autorin ist freie Journalistin.

Sie ist 28 Jahre alt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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